[Analyse] Wer die Spiele der glorreichen Fortuna immer oder regelmäßig in der Retematäng rudelguckt, wird es schon gemerkt haben: Ein neuer Trainer setzt, ähem, nicht nur bei der Mannschaft Impulse, sondern auch bei der Fanschaft. Jedenfalls fühlte sich gestern bei der Partie gegen Golfsburg die Atmosphäre in und rundum diese Kneipe deutlich anders an als in Funkel’schen Zeiten. Für Trainerwechselskeptiker wie Ihren höchst ergebenen Berichterstatter ist das bisschen ärgerlich, weil diese Spezies glauben möchte, dass das Austauschen des Chefcoaches wenig bis nichts ändert. Was sich aber alles in den anderthalb Wochen mit Uwe Rösler geändert hat, ist absolut erstaunlich. Und in diesem Licht betrachtet kommt die Arbeit vom ollen Friedhelm in dieser Saison überhaupt nicht gut weg. Im Gegenteil:

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Gespanntes Rudelgucken der Fans draußen an der Retematäng

Gespanntes Rudelgucken der Fans draußen an der Retematäng

Am ehesten erinnerte der Auftritt der Rotweißen gestern im öden VW-Stadion an die Husarenritte der Rückrunde 2018/19. Alle hatten die Herzen in den Händen, alle waren jederzeit zu jeder (legalen) Schandtat bereit, jeder ließ seinen Spielideen freien Lauf. Wieder wirkte es, als sei derlei Verhalten unter Herrn Funkel schlicht verboten gewesen. Nun wollen wir es mit dem Friedhelm-Bashing und dem Rösler-Hype mal nicht übertreiben, denn natürlich sind in den vergangenen zwei Wochen genau drei Erfolgsfaktoren hinzugekommen, die dem grauen Neusser eben nicht zur Verfügung standen: Kevin Stöger, Valon Berisha und das 3-5-2-System. Letzteres wird gemeinhin dem neuen Chefcoach zugeschrieben, steht allerdings auch auf der Liste der Lieblingssysteme von Co-Trainer Thomas Kleine. Wie schon im Vorbericht erwähnt: Diese taktische Grundordnung kommt den Fähigkeiten der aktuellen Kaderinsassen entgegen und ist enorm flexibel. Wobei sich gestern auch die Schwächen der Konstruktion zeigten, denn unter gegnerischem Druck entsteht praktisch ungewollt eine Fünferkette, und dann ist es mit kreativem Offensivspiel schnell Essig. Daran wird zu arbeiten sein.

Fortuna gut wie selten

Ansonsten aber waren die Fortunen gut wie selten und spielten die pomadigen Wolfswürger in der ersten Halbzeit phasenweise an die Wand – das 2:0 hätte fallen MÜSSEN! Dann hätte wäre Fahrradkette. War aber nicht. Und so richtig ist auch niemand schuld daran. Man spricht ja unter Soccer-Jargon-Kennern von mangelhafter Chancenverwertung, wobei unsere Jungs so viele Torgelegenheiten nun auch wieder nicht kreierten. Immerhin führten die F95-Kicker bis zur 35. Minuten in allen Werten, die zur offiziellen Statistik zählen, hatten gut acht Punkte mehr Ballbesitz, die Passquote war besser und bei den Zweikämpfen lagen sie auch vorn. Alles natürlich Folgen des enorm hohen Pressings, bei dem die drei IVs oft nur knapp hinter der Mittellinie aufgestellt waren.

Apropos Aufstellung: Die einzige wirklich Überraschung in Sachen Startelf war die Berücksichtigung von Börnie Tekpetey anstelle von Nana Ampomah. Dass hinten links wieder Markus Suttner ranmusste, lag nach der Gießelmann’schen Leistung in K’lautern auf der Hand. Die Aufstellung von Andre Hoffmann für Zanka überraschte nur ein bisschen. Das Mittelfeld mit Stöger, Berisha, Erik Thommy, Alfredo Morales und Matthias Zimmermann scheint sich zu bewähren und dürfte – so alle gesund bleiben – für länger Bestand haben. Flo Kastenmeier musste wieder ran, weil das Knie vom Zack wohl doch noch nicht ganz repariert ist. Da der gute Flo nur wenig zu halten hatte, konnte er sich nicht wirklich auszeichnen … aber auch keine Fehler machen. Möglicherweise ergab sich die eher geringe Anzahl an Chancen aus der Kombination von Käpt’n Hennings mit Tekpetey, der ja einen völlig anderen Ansatz pflegt als Ampomah, der mehr mit seinem Körper macht, der mehr Zug ins Zentrum zeigt und eben wie nur noch Kaan Ayhan ein Fernschusspfund im Bein hat. Der Spielweise von Hennings kommt das weniger entgegen, weil sich die beiden Spitzen so öfters in der Mitte begegnen. Seine Aufstellung hat Börnie aber allein durch seine Torbeteiligung gerechtfertigt.

One-Touch-Football

Das Ding vom Zimmermann war die logische Folge der schnelle und direkten Spielweise der Fortuna, also dem, was Modernisten “One-Touch-Football” nennen. So kann man eben auch noch im gegnerischen Sechzehner kombinieren, und genau das taten Morales und Tekpetey in der 13. Minute, wo bei der Pass auf Zimmermann allererste Sahne war und den Dauerläufer in eine optimale Schussposition brachte. Wo wir gerade dabei sind: Der erstaunlichste Statistikwert betrifft die Laufleistung. Fast 119 Kilometer ist ein Fortuna-Team schon lange nicht mehr gerannt, wobei Berisha allein mit 12,44 Kilometern den Laufvogel abgeschossen hat – ein Wert, mit dem vor einem Jahr Stöger regelmäßig in die Herzen der Fans galoppierte. Und wir wissen ja, dass sich Funkel über die statistische Auswertung der Laufleistung gern lustig gemacht hat; auch das ein Beleg dafür, dass der olle Friedhelm irgendwann nicht mehr mitgekommen ist.

Der arme Kaan muss verletzt vom Platz...

Der arme Kaan muss verletzt vom Platz…

In der 22. Minute erwischte es den guten Kaan zum ersten Mal, und in der 40. Minute musste er dann tatsächlich verletzt runter – irgendwas an der Hüfte oder der Leiste. Wünschen wir ihm die allerbeste Besserung und dass er nicht länger ausfällt. Für ihn kam Zanka Jørgensen, der Ayhan mit seiner Spielweise natürlich nicht ersetzen kann, aber einen soliden Mittelverteidiger gibt. Genau wie die Verpflichtung von Berisha bringt die Zanka-Leihe den Trainern deutlich mehr Möglichkeiten im Hinblick auf die taktische Ausrichtung. Man stelle sich vor, alle Stürmer wären fit, also auch Dawid Kownacki, Steven Skrzybski und auch Kenan Karaman (den man auf keinen Fall vergessen sollte), welche Kombinationsmöglichkeiten dann auf der Tafel malbar wären. Verrückterweise scheint Rösler auch an Thomas Pledl Gefallen gefunden zu haben, der ja eigentlich schon weg war, aber plötzlich wieder auf der Bank zu finden ist und, ja, in der 74. Minute tatsächlich für den leicht angeschlagenen Thommy aufs Feld kam.

Fans in der Pause: zufrieden

Jedenfalls waren die Freunde der feinen Fortuna beim Rudelguck zur Pause ziemlich zufrieden, wobei einhelliger Tenor war, dass ein zweites Tor Gold wert gewesen wäre und dass die Mannschaft in der zweiten Halbzeit einfach so weitermachen sollte wie zuvor. Aber erstens kommt es anders und so weiter. Schon um die 25. Minute herum hatte der Golfsburg-Trainer auf Fünferkette umgestellt, was es den Fortunen schwerer machte, gefährlich in den Strafraum zu kommen, der Heimmannschaft offensiv aber nur noch Konter als offensives Mittel ließen. Angeblich, so der Coach-Darsteller der “Wölfchen”, sei es in der Kabine laut geworden. Tatsächlich holte er den langen Holländer (der aber keine Schnitte kriegte) und stellte erneut auf ein System, das eher nach 4-2-3-1 roch. Mit ein bisschen weniger oder nicht so hohem Pressing hätten die weißgekleideten Gäste die Sache unter Kontrolle halten können, aber die Ereignisse in den ersten sieben Minuten der zweiten Spielhälfte verhinderten das.

Tatsächlich trat die Heimmannschaft gleich mit mehr Druck und Feuer an, sodass es in der 47. Minute zu einer aussichtsreichen Freistoßsituation für VW-Burg kam. Wer ganz nah am Fernseher saß und zufällig den rechten Rand fixierte, sah Morales in der Mauer fallen. Es roch nach Ellenbogenschlag, und tatsächlich kamen die kölschen Lemuren endlich mal der lieben Fortuna zur Hilfe und rieten dem (ordentlich pfeifenden) Schiri Stieler zur roten Karte für den Schläger. Sagen es wir es kurz und klar: Mit der Überzahl kam das Team von Rösler & Co. von Anfang bis Ende nicht klar. Stattdessen kassierten unsere Jungs nach einem Kardinalfehler von Suttner den Ausgleich. Der hatte den späteren Kopfballtorschützen in einer gar nicht so unübersichtlichen Situation aus den Augen verloren und fand sich plötzlich an der rechten Ecke des Fünfmeterraums hinter seinem Gegner, der so völlig freie Bahn hatte und sich nicht sehr bemühen musste das Ei einzulochen. Wie gegen Frankfurt hat am Ende genau einer Fehler die Bemühungen zunichte gemacht – es ist zum Mäusemelken! Immerhin nahm Unglücksrabe Suttner seine Verantwortung an und gab unumwunden zu, dass sein Kurzzeitversagen zum Verlust von zwei Punkten führte.

Sieg wäre verdient gewesen

Nein, zusammengebrochen, zerbröselt oder zerfallen ist das F95-Team nach dem blöden Ausgleich in der 52. Minute nicht, aber die Jungs fanden in den folgenden rund 25. Minuten keine Methode, die zwangsläufige Lücke im gegnerischen System zu finden und auszunutzen. Zumal deren Trainer nach dem Platzverweis noch einmal die taktische Konstruktion änderte, die jetzt ein 4-4-1 darstellte. Offensiv lief erstmal nichts, ab der 60. Minute verschob Trainer Rösler die Ketten wieder weiter nach vorne, aber gegen zwei nun optimal verschiebende Viererriegeln ging einfach nichts. Nicht dass die Golfsburger wirklich gefährlich wurden, zumal der lange Holländer jederzeit unter fortunistischer Kontrolle stand. Um die 70. Minute herum änderte sich das Spiel dann noch einmal: F95 zog sich etwas weiter zurück und lauerte auf Konter, weil die Heimmannschaft aber nicht mehr viele Pfeile im Köcher hatte, verflachte die Angelegenheit für rund zehn Minute. Ein Beinahetor durch Hennings nach einem irrem Rückpass in VW-Kreisen wirkte nun als Wecksignal. Mit den eingewechselten Kollegen Ampomah und Pledl sowie einem nun vogelwild rochierenden Berisha nahm der Druck wieder zu, und spätestens zum Ende der regulären Spielzeit wäre ein Sieg für Düsseldorf absolut verdient gewesen.

Das alles macht immer mehr Hoffnung … so lange man als Fortuna-Anhänger nicht auf die Tabelle guckt. Zwar liegt F95 jetzt wieder auf dem Relegationsplatz, hat aber nun schon vier Punkte Rückstand auf die Mainzer, weil die Hertha-Deppen unter Grinsiklinsi sich von denen haben putzen lassen. Vier Punkte sind ganz schön viel, und mit einem Unentschieden hier und einem Remis da wird man das Rennen gegen den Abstieg nicht gewinnen können. Im Klartext: Der erste Sieg in einem Ligaspiel unter Uwe Rösler MUSS nun her. Warum nicht gegen Gladbach? Da würden die Herren Fortuna-Profis gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn ein Sieg gegen Viersen-Süd hebt die Moral von Mannschaft und Fans.

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2 Kommentare

  1. Das Gegentor war aber nicht nur Suttners Fehler, Hoffmann hat auch nichts unternommen, um die Flanke zu verhindern. Vielleicht hätte auch Kastenmeier rauskommen können, aber da müsste ich mir erst mal die Szene erneut angucken. So oder so waren die ersten 30 Minuten eine Freude, wann hat Fortuna mal einen Gegner dermaßen an die Wand gespielt. Rösler hat sie von der Leine gelassen und lässt sie einen anderen Fußball spielen. Stöger und Berisha hin oder her, spätestens jetzt weiss man, das Funkel Zeit schon früher hätte ablaufen müssen, ohne seine Verdienste der Vergangenheit zu schmälern.

    Tja, nach dem desolaten 0:1 gegen Werder, was die Hoffnungen aufgrund der Versprechungen in der Winterpause platt machte, hätte ich jeweils einen Punkt gegen die Würstchen und der Betriebssportmannschaft von VW kaum für möglich gehalten. Jetzt stehen leider vier verlorene Punkte auf dem Zettel, die Situation in der Tabelle sähe anders aus.

    Aber noch ist Zeit, das wird schon. Und die Konkurrenten werden auch nicht wöchentlich die Gegner vom Platz fegen.

  2. Hallo Hr. Bartel. Nur so ne Idee, als begeisteter Leser. Kennen Sie die drei Bücher von Philip Kerr? Z.B. der Wintertrasfer… Leider ist der Autor verstorben, es gibt bisher keinen, der ähnliches geschrieben hat, oder? Warum versuchen Sie es nicht mal. Ihre Kompetenz in eien Thriller gepackt stelle ich mir kurzweilig vor.
    Freue mich auch nach dem MG Spiel wieder von Ihnen/Euch zu lesen. MfG Struck

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