Analyse · Nach einer solchen bösen Klatsche wie der in Bochum und vor allem der fürchterlichen letzten halben Stunde helfen die üblichen Floskeln vom Richten des Krönchens und dem Mundabputzen wenig. Dann doch eher die Phrase davon, dass man nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen könne. Nur passt die in der Zweitligasaison der Fortuna auch nicht so recht, wo doch bisher nicht einmal annähernd so etwas wie eine Tagesordnung entstanden ist. Jetzt wird von vielen die Partie gegen Darmstadt am Freitag zum Entscheidungsspiel hochgejazzt, bei dem es angeblich in erster Linie um den Verbleib von Cheftrainer Uwe Rösler geht. Wenig ist dümmer als das. [Lesezeit ca. 4 min]

Denn eigentlich kann einem unser sächselnde Englishman leidtun. Hatte er vom ersten Spieltag an nicht einmal die Gelegenheit, seine Vorstellungen vom Fußball in die Tat, also in ein schönes und erfolgreiches Spiel umzusetzen. Ja, UR hat Fehler gemacht, gerade was Auswechslungen angeht, aber wenn man seine diversen öffentlichen Äußerungen Revue passieren lässt, entsteht schon das Bild einer Spielweise, die jedem Fan gefallen könnte. Jetzt steht der Kader fast vollzählig zur Verfügung, nun könnte er beginnen, feste Formationen einzuüben, sodass die Spieler in der Wettkampfpraxis Gelegenheit bekommen, sich miteinander einzuspielen, Kombinationen und Laufwege einzuüben und sich mit einem “bästimmten Sistem” zu identifizieren.

Unterstützt TD!
Dir gefällt, was The Düsseldorfer über die Fortuna schreibt? Und vielleicht auch die Artikel zu anderen Themen? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Unterstütze uns durch ein Abschließen eines Abos oder durch den Kauf einer Lesebeteiligung – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

Problem dabei: diese völlig inakzeptable Fehlpassquote, von der sich kaum ein Kicker freisprechen kann. Was nutzen die schönsten Laufwege, wenn der Passgeber die Pille nicht zum Passempfänger kriegt? In diesem Punkt müssen sich alle, die das F95 über dem Herz tragen, an die eigene Nase fassen, auf Ausreden verzichten und sich – verdammt nochmal! – zusammenreißen. Vor allem diejenigen, die früher bei der Fortuna oder einem anderen Verein oder gar aktuell bei ihrer jeweiligen Nationalmannschaft bewiesen haben, dass sie es können. Und, nein, Fehlpässe sind nicht in erster Linie ein mentales Problem, sondern ein technisches.

Der Spielplan

Markus Anfang, der geborene Kölner, der zwischen 2006 und 2008 auf seine alten Tage immerhin 43 Spiele für F95 absolviert hat, quälen bei den sogenannten “Lillien” ganz ähnliche Probleme wie unseren Cheftrainer: Verletzungs- und Corona-Ausfälle, Elfmeter und Hinausstellungen gegen sein Team sowie teils erhebliche Schwierigkeiten richtig ins Spiel zu kommen. Während bei unseren Rotweißen seit zwei, drei Spielen immerhin die Defensive ganz ordentlich funktioniert, haben die Darmstädter sich mit 18 die zweitmeisten Gegentore der Liga gefangen. Dafür ist die Offensive schuss- und auch torfreudig.

Das spricht gegen einen auf Hurraangriffe ausgelegten Plan, sondern doch wieder für ein kontrolliertes Spiel aus dem Mittelfeld und mehr Offensive aus der Zentrale. Entscheidend könnten Standardsituationen als Ersatz für Flanken von der Grundlinie aus sein. Man weiß ja, dass eine Mannschaft heutzutage gezielt darauf spielen kann, möglichst viele Ecken und auch Freistöße aus der Halbdistanz zu erarbeiten. Da nun alle Konkurrenten wissen, dass die Fortuna gewöhnlich mit zwei Spitzen antritt, von denen eine Rouwen Hennings heißt, könnte man die Lillien damit überraschen, nur mit einem Mann ganz vorne zu spielen und überhaupt unerwartet defensiv aufzutreten. Steht das defensive Mittelfeld dann sehr hoch, kann man auf hartes Pressing setzen, um nach Möglichkeit Überzahl schon vor dem Strafraum (der ja jetzt gern “Box” genannt wird) zu erreichen.

Das taktische System und die Aufstellung

Kann aber auch sein, dass die Coaches endlich wieder das von Rösler so geliebte 3-5-2 präsentieren, das ja den Vorteil hat, je nach der Entwicklung der Partie eher offensiv oder eher defensiv ausgelegt werden zu können. Gut an dieser Sache wäre, dass damit das Wunschssystem weiter in der Praxis eingeübt werden kann. Denn letztlich haben alle Neuverpflichtungen, bei denen der Cheftrainer seine Wünsche erfüllt sah, auf dieses taktische System gezielt. Außerdem stehen nun endlich die passenden Kicker nebst Alternativen auf der Bank zur Verfügung.

Und trotzdem: Ihr erschreckend ergebener Analyst würde als Überraschung – siehe oben – ein 4-3-2-1 vorschlagen. Und zwar bewusst ohne die beiden Veteranen Rouwen Hennings und Adam Bodzek, die ja bisher den Beweis schuldig geblieben sind ihre Kollegen als Führungsspieler nach vorne zu reißen. Dafür könnten zwei Männer diesen Part übernehmen, von denen man weiß, dass sie das können: Andre Hoffmann und Eddie Prib. Ihr Ergebener ist im Übrigen der Meinung, dass dem Duo aus Eddie und dem jungen Shinta Appelkamp die Zukunft im Mittelfeld 2020/21 gehört und sich die Verpflichtung eines klassischen Spielmachers – wie sie von vielen Fans lautstark gefordert wird – erübrigt.

So könnte ein unerwartetes 4-3-2-1 gegen Darmstadt aussehen

Auf der Bank fände sich dann neben dem zweiten Torman Raphael Wolf auf jeden Fall Leon Koutris, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Spielzeit bekäme. Dazu würden sich am besten die weisen Männer, Rouwen Hennings und Adam Bodzek, sowie Kuba Piotrowski, Tony Pledl und Jean Zimmer gesellen. Wesentlich wahrscheinlicher aber ist tatsächlich ein 3-5-2 bzw. ein 3-3-2-2 – a) weil’s der Rösler mag und b) weil’s mehr Variationen erlaubt. In diesem System kämen an mindestens drei Stellen ganz andere Burschen zum Zuge:

So könnte das erwartete 3-5-2 gegen Darmstadt aussehen

Auf der Bank nähmen außer Raphael Wolf und Leon Koutris dann unbedingt Cello Sobottka und Adam Bodzek Platz sowie auch Kelvin Oforo und Jean Zimmer Platz.

Der Tipp

Selten war es in dieser Saison schwieriger auf einen Ausgang zu wetten. Es hängt viel zu sehr davon ab, ob bei den Rotweißen der offensive (Achtung! Phrase!) “Knoten” platzt. Und natürlich davon, ob berechtigte und unberechtigte Strafstöße und Platzverweise ausbleiben. Selbst wenn’s klappt, sind viele Tore für die Fortuna nicht zu erwarten. Dafür aber kann es die Verteidigung durchaus hinkriegen, dass Flo Kastenmeier die Pille nie aus dem Netz holen muss. Also spräche viel für ein 2:0 für die glorreiche, wenn auch unzuverlässige Diva.

9 Kommentare

  1. Ich gestehe, dass ich typisch rheinisch, sehr skeptisch bin. Das Spiel in Bochum hat mich doch sehr entsetzt. Und ab und an habe ich mich am Montag Abend dabei ertappt, über Rösler nachzudenken. Trotzdem ist es mir aktuell noch ein wenig zu früh, den Trainer nieder zumachen. Für die abenteuerlichen Fehlpässe kann Rösler nun wirklich nichts, es sei denn er trainiert Fehlpässe 😉 . Und mit diesen vielen Fehlpässen kann man kein Spiel aufziehen, egal welches System.

    Fakt ist aber, unser Spiel krankt extrem in der Offensive. Sowohl aussen, wie auch im Mittelfeld. Ein Lewandowski würde bei uns auch verhungern und verzweifeln, von Einzelaktionen mal abgesehen (aber dann hätten wir sicher ein paar Hütten mehr). Woran es liegt, dass die Truppe offensiv nichts gebacken bekommt, vermag ich nicht zu beurteilen. Da müsste man täglich beim Training zuschauen, um erkennen zu können, ob das dort anders als im Spiel läuft.

    Trotzdem kenne ich die Mechanismen. Wenn es bis zur Winterpause mit unserem Würgefußball so bleibt, wird etwas passieren müssen. Und als erstes ist dann halt, wie immer, der Trainer der in der Verlosung ist.

    Ich hoffe nur, dass, wenn es wirklich so kommt, nicht die Träumer ihren Willen bekommen, die meinen, es muss der Funkel wieder her. Dessen Zeit ist vorbei und seine Spielweise in der letzten Saison war mindestens genauso unterirdisch.

    Na ja, ich hoffe aber, die Truppe bekommt mit Rösler wieder schnell die Kurve. Für Morgen kann ich meine Skepsis aber noch nicht ablegen. Bin halt echter Rheinländer 🙂 .

  2. Klugscheißer-Modus an: Markus Anfang spielte bereits Mitte der 90er für Fortuna. Immerhin 39 Bundesligaspiele absolvierte er da für uns. Klugscheißer-Modus aus.

    • Rainer Bartel am

      Ja, aber die 43 Spiele machte er – wie es im Artikel steht – “auf seine alten Tage” (Klugschissmodus ebenfalls aus) ;–))))

  3. Vorweg:
    Passt nicht unbedingt alles zum Artikel, hat sich bei mir aber so ein wenig angestaut.
    Ich war gegen den Trainerwechsel im letzten Jahr, nach dem Abstieg war ich allerdings auch der Meinung, dass dem Trainer Zeit zum Aufbau einer Mannschaft gegeben werden sollte. Das sollte sich dann aber doch in der oberen Tabellenhälfte abspielen.
    Nun kommen mir aber doch Bedenken bei unserem Trainer. In der Bundesliga hat er anfangs noch schönen Fußball spielen lassen, leider ohne den nötigen Erfolg. Meiner Meinung nach hat er damals die Mannschaft mit diesem Spielstil konditionell überfordert, denn Gegentore sind häufig in der Schlussphase gefallen. Im Laufe der Saison waren dann zuerst Kevin Stöger und dann die gesamte Mannschaft platt, sodass in den letzten beiden Spielen (von Vereinsseite sollten das die entscheidenden Spiele gegen Gegner auf Augenhöhe sein) den Gegnern weder läuferisch noch spielerisch zugesetzt werden konnte.
    Das hat sich leider mit dem Start in der 2. Liga fortgesetzt. Mit Ausnahme von Kastenmeier (der sich erheblich gesteigert hat) sind alle Spieler, die auch schon im letzten Jahr bei der Fortuna waren, nicht annähernd in der Vorjahresform. Dafür ist dann wohl schon der Trainer verantwortlich.
    Und noch ein Wort zu Rouwen Hennings. Wenn man einen solchen Torjäger hat (Hennings wird in diesem Leben kein Dribbler und Linksaußen mehr) ist es verdammt noch mal die Aufgabe eines Trainers, die Mannschaft so auf- und einzustellen, dass dieser zu Abschlüssen kommen kann. Dann macht er auch seine Tore.
    Und zu FF: Ich verstehe die ständigen Sticheleien gegen FF nun wirklich nicht. Alle sollten mal daran denken, welche Erfolge wir mit ihm hatten. Zum Schluss lief es nun tatsächlich nicht besonders gut, ihm fehlten aber auch wichtige Spieler für ein schöneres Spiel. Er wird sicher nicht zurückkommen und das wäre auch der falsche Weg. Bei UR hingegen werden ständig Entschuldigungen für die schlechten Leistungen gesucht und gefunden. Ich hätte mir diesen Langmut auch bei FF gewünscht. Schlimmer hätte es ja nicht kommen können.
    Na ja, hinterher ist man natürlich immer schlauer.

    • Mit sticheln gegen FF hat das nichts zu tun, seine Erfolge bis einschließlich erstem BL Jahr sind unbestritten. Ich persönlich halte aber nichts davon, ihn als evtl. Nachfolger von UR zu holen. Da sollte dann anderer frischer Wind kommen.

  4. Was Gerd Müller für Bayern war, ist Hennings für Fortuna. Na ja fast. So einen Spieler nimmt man doch nicht raus. Der muss lediglich ständig mit Bällen bedient werden , damit er sie aufs Tor feuern kann. 15 Tore von Hennings letzte Saison, 13 Tore davor sprechen für sich….

    • Rainer Bartel am

      Ihnen ist aber schon bewusst, dass sich a) der Fußball seit Gerd Müllers Zeiten weiterentwickelt und b) die Idee vom Knipser die altmodischste Variante der Fußballtaktik ist, oder? Nur mal so als Anregung: Schauen Sie sich mal die besten Torschützen der oberen Ligen in Europa an; da sind nicht mehr viele reine Knipser drunter, sondern zunehmend Vielzweckstürmer, die auch mal hauptsächlich einen Achter oder Zehner spielen. Ein gesamtes Mannschaftskonzept auf dem Torriecher eines einzigen Spielers aufzubauen, ist nicht nur altmodisch, sondern annähernd fahrlässig.

  5. Da haben sie mich vielleicht falsch verstanden. Fortuna soll ja nicht das Spiel alleine auf Hennings ausrichten. Fortuna soll sich moderner Spielsysteme bedienen und Hennings im Strafraum mit Bällen versorgen. Denn jeder weiß : dann ist das Ding drin.

    • Sehe ich ähnlich. Und da hapert es an der zentralen Mittelfeldposition und an schnellen Außen, die auch präzise Flanken können.

Antworten