Mannschaft und Fans haben sich gestern im Ruhrstadion an der Castroper Straße in Bochum vom Vereinsvorstand getrennt. Denn größer kann ein Abstand nicht sein als zwischen einer vereinten Fanszene, die über die Halbzeitpause hinweg länger als eine halbe Stunde das Lied von der verliebten Kurve singt, und einem Dirk Kall, der nach dem Fanaufstand gegen die BILD-Aktion zu Protokoll gibt, man habe von vornherein vorgehabt, das Logo des Drecksblatts zu überkleben. Auf der einen Seite also zwei Typen (den zur Zeit im Urlaub weilenden Vorstand Sven Mühlenbeck muss man hier ausdrücklich ausnehmen, denn der war dem Vernehmen nach, in die Entscheidung nicht eingebunden), die aus jeweils anderen egoistischen Motiven heraus lavieren und so das Image des Vereins beschädigen, auf der anderen Seite 3.000 Rotweiße, die von Anfang bis Ende anfeuern, und eine Mannschaft aus Söldnern, die sich gerade in Fortunen verwandeln. So entstand ein Abend, den alle, die dabei waren, so schnell nicht vergessen werden.

Auch weil das ein Truppe in Hemden mit dem Logo des geilsten Clubs der Welt agierte, die dem Tabellenführer aus Bochum durchgehend und stellenweise weit überlegen war. Ohne auf die offiziellen Statistiken geschaut zu haben, würde Ihr sehr ergebener Berichterstatter ein Chancenverhältnis von ungefähr 18 zu 4 zugunsten der Fortuna annehmen. Wobei es gleich in den ersten zwanzig Minuten schon zur Sache ging und bei drei Torschüssen der Ball jeweils knapp am langen Eck vorbeistrich. Zwölfter Mann der Vfler waren Pfosten und Latte, und der lange Luthe hat einen Sahnetag gezogen. Der Kerl entschärfte mindestens vier Hundertprozenter, und irgendwann um die 80. Minute herum konnte man bei den F95-Anhängern die Sorgenfalten beim Wachsen und dem Haupthaar beim Ergrauen im Zeitraffer zuschauen. Das konnte alles nicht wahr sein: Da unterzogen die Jungs von Trainer Kramer den Gegner einem intensiven, kämpferisch überragenden Pressing, erarbeiteten sich offensiv Gelegenheiten am Schnürchen und ließen hinten kaum was anbrennen, aber die Pille wollte nicht in die blauweiße Kiste.

Und wenn wir uns mit den einzelnen Herren in Rot befassen wollen, dann müssen wir mit Lukas Schmitz beginnen (den Ihr Ergebener neulich beim Spülbericht zur Partie gegen die Sechzger unentschuldbarerweise vergessen hat…), den Kramer umgeschult hat und der auf seiner neuen Mittelfeldposition einfach bärenstark auftritt. Bleiben wir bei den Leistungen des Trainers: Unter welchem Coach hat unser Axel je so engagiert und erfolgreich die eigentlich ungeliebte Außenverteidigerposition ausgefüllt? Oder: Wie hat der Spielleiter es geschafft, dem Herrn Schauerte einzubimsen, auch mal defensiv zu spielen? Wer hat dem Herrn Rensing ein Kilo neues Selbstvertrauen eingeflößt? Spätestens da wird klar: Es ist das komplette, neue Trainerteam, das diese Wunderleistung vollbringt, wobei Cotrainer Peter Hermann vermutlich der entscheidende Erfolgsfaktor ist. Aber auch die Arbeit von Torwarttrainer Simon Jenztsch und Athletikcoach Florian Klausner kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – letzteres kann man jederzeit beim Warmmachen vor dem Anpfiff beobachten.

Weiter: Der Herr Demirbay könnte zum Erfolgsgarant mutieren, wenn er auch noch die letzten Fehlerchen abstellt, und am Ausgleichstorschützen van Duinen – und das sagt Ihr Ergebenster schon seit Wochen – werden wir alle noch viel, viel Freude haben, wer der sich erstmal so richtig eingewöhnt hat. Gestern war sogar der Herr Strohdiek eine Abwehrbank, und die Souveränität von Käpt’n Haggui ist bewundernswert. Auch der Herr Koch steigert sich nach seiner Verletzung wieder und war DER Balleroberer im Mittelfeld. Von der unermüdlichen Wühlarbeit des Herrn Ya Konan muss man ja gar nicht mehr berichten, so selbstverständlich ist das schon. Der Ihlas, unser Bebou, war gestern nicht so gut wie gegen 1860, aber mit seinem Durchsetzungswillen wieder sehr wertvoll. Er wurde später gegen den Herrn Bolly ausgetauscht, der zweimal schneller als der Ball war, den er eigentlich führen wollte. Der ebenfalls eingewechselte Herr Pohjanpalo blieb dagegen blass.

Wie kam es dann überhaupt zur Führung der Bochumer? Der Fehler entwickelte sich aus einem an der Mittellinie verlorenen Ball, der Abwesenheit unseres Mittelfeldes und einer kurzzeitigen Konzentrationsstörung der Viererkette. Dann kam die Pille auch noch so scharf und präzise, dass der Herr Rensing, der alles andere sicher wegfischte, keine Schnitte hatte, das Ding noch um den Pfosten zu lenken. Was aber tun die Fans im Stehtortenstück und der angrenzenden Sitztribüne (wo natürlich niemand saß, sondern alle standen)? Die singen den Frust einfach weg. Ab Mitte der zweiten Hälfte versuchte der Bochumer Anhang dann mit eigenen Gesängen gegenzuhalten und wurde auch lauter als zuvor – leider fehlte den Vfler die Kreativität, wirklich eigene Lieder zu entwickeln, sodass man oft zwischen den Blöcken nur unterscheiden konnte, weil die eine Seite „Bochum“ oder „Blau und Weiß“ tönte. Trotzdem: Auch wenn die glorreiche Fortuna im Ruhrstadion schon seit 1990 nicht mehr gewonnen hat, ist Bochum immer eine Reise wert. Allein weil wir es hier mit einem Fußballstadion und keinem Soccer-Entertainment-Tempel zu tun haben.

Die Fanbusse parken unterhalb vom Haus des Starlight-Express. Dann munkelt man über Treppchen und schmale Wege bis zur Straße, die am Stadion vorbeiführt. Das ist romantisch. So romantisch wie die Kassen und die Getränketheken, die Treppen und die schmutzigen Fenster am Gästeblock. Weil unser Mob traditionell einen Marsch vom Bahnhof aus zelebriert, ist auch immer jede Menge Copschaft anwesend. Lustig dieses Mal, dass die Pferdestafel von einem Schimmel angeführt wurde, was der ganzen Geschichte einen Hauch von Sankt-Martins-Umzug verlieh. Wie immer brachte die Ankunft der Aktiven Chaos am Einlass, aber der war auch schon mal schlimmer. Blöd nur für die Leute, die just zur selben Zeit ins Stadion wollten, aber dann nicht mehr in den Stehblock kamen. In dem war von Anfang an die Stümmung groß; man spürte deutlich, dass die gegen die Forderungen einer vereinten Fanszene getroffene Entscheidung des Vorstands für mehr Geschlossenheit und Einigkeit sorgte. Und so wanderten wir nach dem Ausgleich in der Nachspielzeit und einer weiteren halben Stunden Nachfeiern mit einem Lächeln im Gesicht am Musical-Schuppen vorbei und fuhren fröhlich zurück in die schönste Stadt am Rhein.

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