Man kann natürlich den Film insgesamt ausschließlich als Stück der Unterhaltungsindustrie betrachten. Damit ignoriert man aber die Rolle der Filmkunst im Rahmen der Popkultur der letzten 120 Jahre. Ja, FilmKUNST. Menschen, die wissen, was damit gemeint ist und diese Kunst lieben, nennt man auch Cineasten. Für die gibt es in Düsseldorf die Filmkunstkinos. Wer nie in einem dieser Lichtspielsäle Filme schaut, mag denken, es handele sich um muffige-altmodische Buden mit antiquierter Technik, in dem nur Intellektuelle Spaß haben können, irrt. Ja, im Cinema, im Bambi und auch im Metropol weht schon noch der Geist der früheren Jahre – aber auf digitales Bild und perfekten Dolby-Surround-Sound hat man dort auch schon seit Längerem umgestellt. Und dann verirrt man sich als bekennender Cineast nach mehr als einem Dutzend Jahre mal wieder in den UFA-Palast am Hauptbahnhof und stellt fest: Mit Kino hat das nichts zu tun.

Das liegt überhaupt nicht am Programm, dass fast durchweg aus Hollywood stammt und zwischen Kinderkram à la „Hanni und Nanni“, rührenden Hunde-Biopics, Fantasy-Kitsch, Gewalt-Action und dem manchmal ziemlich guten Star-Kino changiert. Es liegt am Apparat und am Publikum. Nun ist vermutlich samstags um acht kein guter Zeitpunkt für Cineasten, sich in einem der dreizehn Säle einen Film ansehen zu wollen. Wer’s nicht weiß: In dieser Zeit dient das Foyer im Erdgeschoss und vor allem die Empore vor dem Zugang einer bestimmten Sorte Jungs als Aufenthaltsort. Vorstechendes Merkmal: Sinnloses Umherzucken, lautes Lachen und respektlosen Umgang mit Allem und Jedem. Wo sollen sie auch sonst hin, die Testosteronbömbchen.

In den Anfangsjahren war das Café in der ersten Etage ein Ort der Ruhe, in dem sich Leute zum gemeinsamen Besuch trafen, oder wo man nach dem Kinoerlebnis noch ein wenig verweilen und über den Film reden konnte. Heute strahlt der kalte, tote Raum den Charme einer Bahnhofstoilette aus. Wie der ganze UFA-Palast inzwischen so ein bisschen heruntergekommen wirkt. So freundlich und hilfsbereit das Personal an den Kassen ist, so inkompetent ein Großteil der Mitarbeiter an den diversen Fress- und Saufständen. Und das, obwohl es für gefühlte neunzig Prozent der Besucher in erster Linie darum geht, möglichst große Becher Zuckerwasser und völlig übersüßtes Popcorn in Eimern in die Säle zu schleppen. Am ekligsten aber das, was unter dem Namen „Tacos“ angeboten wird, weil es dazu einen übelriechenden Käseschmier gibt, dessen Dunst einem noch in fünf Metern Entfernung Übelkeit bereitet.

Es geht gar nicht um den Film

Überhaupt: Um den jeweiligen Film geht es am wenigsten. Das bestätigt auch die Tatsache, dass viele Besucher eines Multiplex-Kastens öffentlich berichten, sie seien im Kino gewesen und hätten diesen oder jenen Film gesehen, aber keine drei Worte darüber finden, ob und wie ihnen der Streifen gefallen hat. Es ist also offensichtlich wichtiger, da gewesen zu sein. Ein belauschtes Gespräch zwischen vier oder fünf jungen Leuten brachte auch folgenden Satz: „Den guck ich mir später mal in Ruhe zuhause auf Blu-ray an.“ Dementsprechend respektlos geht die Mehrheit der Zuschauer mit der gebotenen Filmkunst um.

Wenn der erste Vorspann bereits läuft, ist der Saal noch fast leer. Mitten in die Eingangsszene platzen mehr als die Hälfte der Besucher – natürlich lauthals über die zu suchenden Plätze debattierend, mit Fraß und Getränk hantierend und sich ausführlich mit der Unterbringung der eigenen Garderobe befassend. Selbst nachdem der Film schon zwanzig Minuten läuft (was ja oft zehn Prozent der Laufzeit entspricht) kommen immer noch Leute rein. Aber es kommt auch zum vorzeitigen Auszug – ohne dass dies ein Werturteil über das gezeigte Werk beinhaltet.

Respektlos und lieblos

Das alles gab es – wenn auch weniger ausgeprägt – schon immer, und in anderen Länder war und ist es gang und gäbe, dass es ein ständiges Rein und Raus gibt, während der Film läuft. Das offensichtliche Desinteresse am Film und die enorme Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die den Streifen erschaffen haben, ist dagegen so neu, dass es selbst in den Multiplexen vor zehn, fünfzehn Jahren kaum je zu beobachten war. Geradezu schockierend ist aber die Lieblosigkeit der Präsentation. Dass bei einer rein digitalen Projektion das Bild deutlich verpixelt und unscharf erscheint, liegt daran, dass die Vorführmaschinerie entweder nicht richtig eingestellt oder unzureichend gewartet wurde.

Und trotzdem amüsiert sich das schauende Volk. Oder: Es will sich amüsieren, es hat ja dafür bezahlt. Das führt beispielsweise zu völlig unmotivierten oder mindestens überzogenen Lachern an Stellen, an denen es nichts zu lachen gibt. Und wenn es nicht genug Lachstellen gibt, dann machen sich die Grüppchen ihre Witze selbst. Je nach Filmgenre kann das natürlich jeglichen cineastischen Genuss vollständig unterbinden.

Und in den Filmkunstkinos?

Eine Cineastin sagte kürzlich: Ein gutes Kino erkennst du daran, dass es Wein gibt und keine Tacos. Da ist etwas Wahres dran. Weil so ein Schuppen wie der UFA-Palast ja auch ein Gastronomiebetrieb ist, haben sich dort Lieferanten eingekauft, deren Produkte man nehmen muss. Wer ein Alt will, kriegt dort nur Diebels. Wein gibt es nicht. Und Mineralwasser vermutlich nur, weil man Mineralwasser anbieten muss. Die gastronomischen Einrichtungen der Filmkunstkinos sind dagegen in solch liebevollen Händen, dass es nicht nur eine Auswahl gibt, die jedem etwas bietet, sondern dass die Umgebung der Theken durchweg zum Bleiben einlädt.

Ja, auch in den Refugien der Cineasten kommt es vor, dass Leute erst deutlich nach der ersten Szene erscheinen oder sich während der ganzen Laufzeit mehr oder weniger laut mit anderen unterhalten. Ja, auch in den Filmkunstkinos gehen Zuschauer bevor der Abspann durch ist. Und manchmal stößt man auch auf Besucher, die das Werk auf der Leinwand nicht zu schätzen wissen. Und doch sind Abende in den genannten Lichtspielhäusern in den allermeisten Fällen das, was man früher ganz selbstverständlich „Kinobesuch“ genannt hat.

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1 Kommentar

  1. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu!
    Die Filmkunstkinos in Düsseldorf haben eine ganz besondere Atmosphäre, die angebotene, oft eigenwilligen Filme interessieren mich weitaus mehr als das Hollywoodprogramm. Ich vermisse die Besuche in den verschiedenen Filmkunstkinos sehr!
    Das Problem: inzwischen bin ich eine von vielen RollstuhlfahrerInnen in Düsseldorf, und für uns sind die kleinen Kinos (Ausnahme: Bambi) – allesamt mit steilen Treppen ins Untergeschoß ausgestattet (und engen Toiletten) – nicht mehr zu nutzen. Da bleiben dann nur noch die barriere- und atmosphärearmen Multiplexkinos für den Filmgenuß übrig.
    Wenn es für die Filmkunstkinos eine bauliche Lösung für Besucher im Rollstuhl geben würde, wäre nicht nur ich überglücklich und würde gerne so oft wie früher ins Kino kommen.

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