Nein, da darf man als Fortuna-Fan nicht enttäuscht sein. Wenn man auf eine Mannschaft trifft, deren Tormann einen Supersahnetag gezogen hat, muss man nicht über mangelnde Chancenverwertung meckern. Aber schade ist es trotzdem. Auch wenn die offiziellen Statistiken ein kleines Plus für die Gastgeber vermerken, war F95 über die Spielzeit das stärkere Team. Stärker, wohlgemerkt, nicht besser. Denn ähnlich wie bei der Partie gegen Hoffenheim traten bei den Stuttgartern die im Schnitt besseren Spieler an; dafür war deren taktischer Auftritt – man muss es so hart sagen – erbärmlich. Insofern erfreuen sich die Rotweißen an einem verdienten Auswärtspunkt. Punkt. Mann des Tages war aber in jeglicher Hinsicht Friedhelm Funkel.

Nun war es für Ihren sehr ergebenen Berichterstatter wegen seiner Urlaubssituation eines der kuriosesten Spiele, über die er Ihnen was zu erzählen hat. Denn live verfolgte er das Spiel unterwegs im Pkw irgendwo in Frankreich per Eurosport-Player auf dem Smartphone und – wenn die Übertragung stockte – parallel auf Antenne Düsseldorf. Das ergab ein merkwürdiges Mosaik, das sich erst beim späteren vollständigen Genuss der Bezahlsendersendung zu einem Gesamtbild rundete.

Sammer lobt

Da konnte sich der Experte Sammer, ein wandelndes Phrasenschwein besonderer Güte, ja gar nicht mehr lassen vor Lob für den Auftritt der glorreichen Fortuna gegen die SAP-Werkself aus Hoffenheim. Insgesamt gut fünf Mal strich er heraus, dass es sich beim 1:0 um ein Klassetor, ein Klassetor, ein Klassetor gehandelt habe. In einem fort lobte er Trainer Funkel, und auch der Kommentator hatte seinen Spaß am Faltigen aus Neuss und seinen jungen Helferlein. Wie modern Funkel sei, machte der daran fest, dass der Axel zwischendurch mit dem Headset oben auf der Tribüne saß, dann aber runtergetrabt kam, um dem Trainer seine Erkenntnisse schließlich doch analog ins Ohr zu flüstern.

Schenken wir uns weitgehend den Spielfilm, sondern befassen wir uns mit der Coacherei und der Sichtweise der Sprechpuppen und Schreibfinken der Zunft auf das Altmodische und das Moderne. Es war ja vor und zu Beginn der Saison quasi eine Binsenweisheit, auf die sich die kommentierenden und moderierenden Damen und Herren unausgesprochen geeinigt hatten: Hier die modernen Konzept- und Laptop-Trainer, dort die altmodischen Coaching-Zausel. Dass der erfahrenste aller Erst- und Zweitligatrainer, nämlich Fortuna Friedhelm Funkel, zu letzterer Gruppe zu zählen sei, war Konsens. Diese ersten vier Spiele aber zeigen: F95 hat mit Herrn Funkel einen der modernsten Fußballlehrer an der Linie.

Funkel ruht

Das bewiesen er und seine Co-Jungs – darauf wies er in seinen Aussagen zum Spiel mehrfach hin, was der Moderator dankenswerterweise aufgriff – auch bei diesem Auswärtsspiel wieder. Da gibt es nicht einfach zwei Systeme, ein defensives und ein offensives, sondern eine Bandbreite an Varianten, die es erlaubt, die Mannschaft auf jeden Gegner passgenau einzustellen und die Taktik während der Partie bei Bedarf zu justieren. In dieser Hinsicht erwies sich sein Gegenüber im Neckarstadion als lausiger Vertreter der angeblich so modernen Trainergeneration. Dabei hat dieser Korkut ja bei, ach so tollen Weltcoaches gelernt. Entweder hat er das alles vergessen, oder seine Spieler sind zu doof, um die Anweisungen zu kapieren.

Ganz anders dagegen die Fortunen. Da muss Funkel auch nicht dauernd drei, vier, fünf oder mehr Finger zeigen, um – wie der Hoppenheim-Nagelsmann – Systemwechsel anzuordnen, da wissen seine Jungs einfach, welche gegnerischen Aktivitäten als Signale für Umstellungen zu deuten sind. Weiter: Die taktische Aufstellung, die der Erfahrungsmann wählte, war die perfekte Kombination für diesen Gegner in seinem Heimstadion in dieser (frühen) Tabellensituation. Zu mosern, warum denn Rouwen Hennings “seinen Startplatz verloren” habe, zeugt von geringem Verständnis des modernen Fußballs. Ganz einfach: Seine spezifische Spielweise war an diesem Freitagabend nicht so sehr gefragt wie Benito Ramans Schnelligkeit und Dribbelkunst.

Der schlaue Friedhelm

Wie schlau dieser Friedhelm wirklich ist, zeigte sich ja schon an der Aufstellung von Adam Bodzek vor einer Woche. In Stuttgart war der (gar nicht so) alte Mann die exakt richtige Besetzung und der bestmögliche Partner für Kaan Ayhan, der – nebenbei gesagt – ein fantastisches Spiel ablieferte. So perfekt Funkel das Team einstellt, so richtig analysiert er auch ein solches Spiel und benennt wenige Minuten nach Abpfiff die gesehenen Schwächen punktgenau, ohne – wie dieser Voll*****, der beim Projekt in Leipzig die Söldner zu führen hat – auch nur einen seiner Spieler auch nur im allergeringsten in die Pfanne zu hauen. Hieß es nach der Niederlage gegen Augsburg, das Verhalten in Kopfballduellen müsse verbessert werden, erkannte der Trainer nach dem Stuttgart-Spiel die Passungenauigkeit in Kontersituationen als Schwäche, an der es zu arbeiten gelte. Gehen wir davon aus, dass die Fortuna in diesem Punkt schon beim Heimspiel gegen Leverkusen optimiert zu Werke gehen wird.

Das ist es, was einen hochmodernen Fußball-Coach ausmacht: Taktische Systeme erarbeiten, die mit den Spielern im Kader umsetzbar sind, diese Systeme mit allen Varianten einüben, mannschaftliche und spielerische Schwächen erkennen und den Trainingsbetrieb dafür nutzen, sie auszumerzen. Dazu sehr genaue Beobachtung und Analyse der Gegner und sorgfältiges Erarbeiten angepasster Spielpläne. Und auch wenn es die Sportschreiber und -sprecher hassen werden: Dafür braucht man keine Superstars, nicht einmal Stars. Dafür braucht man gute und hochmotivierte Spieler, die Freude am gemeinsamen Tun mit den Kollegen haben. Dass es ausgerechnet der olle Funkel ist, der das (against all odds) hinkriegt, hat einen relativ einfachen Grund: Der Friedhelm liebt den Fußball, er lebt ihn, er atmet ihn, er isst und trinkt ihn, und weil er das schon so lange tut, hat er einfach viel, viel, viel mehr Ahnung vom Fußball als sie Kollegen von 35, 40 Jahren überhaupt haben können.

Zieler hält

Zurück zum Spiel. In Halbzeit 1 fand Stuttgart nicht ansatzweise ein Rezept gegen die ziemlich souveräne Fortuna-Defensive, sondern agierte unbeweglich, ideen- und mutlos. Auch wenn immer mal wieder Flanken auf diesen Gomez kamen, der zunehmend missmutig durch die Gegend schlurfte. Chancen gab es auf beiden Seiten nur nach Standardsituationen oder durch Fernschüsse. Wenn es hochkommt, durfte man beiden Teams je zwei nennenswerte Möglichkeiten auf den Zettel schreiben. Raman schoss ein paar Mal, brachte aber jedes Mal keinen Druck hinter das Ei. Rensing sah einmal nicht so gut aus, aber auch diese Situationen ließen sich nicht als Hundertprozenter verbuchen. Das 0:0 zur Pause entsprach voll und ganz dem Verlauf.

Das änderte sich in der zweiten Spielhälfte. Die Stuttgarter setzten da an, wo sie aufgehört hatten, verschoben aber ihre Ketten weiter nach vorne, ohne dass dadurch wesentlich mehr Offensivkraft entstand. Stattdessen kam es immer wieder und immer öfter zu Kontersituationen und Torchancen für die Fortunen. Mindestens sieben Mal musste dieser Zeiler im VfB-Kasten zeigen, dass er ein Spitzenkeeper ist – sein Stellungsspiel und seine Reaktionen waren hervorragend. Dies in einer sehr fairen, vom Referee Hartmann gut geleiteten Partie vor einer beeindruckenden Kulisse. Wie die Stuttgarter Fans hinter ihrer bislang ziemlich erfolglosen Truppe standen, war klasse. Aber auch das Häuflein der gut 2.500 F95-Fans in der Schmuddelecke des Neckarstadions konnte mit lautstarker Unterstützung glänzen. Die Anhänger beider Mannschaften zeigten den Kunden der diversen Projekte über die gesamte Zeit, was es heißt, wenn zwei wahre Traditionsmannschaften mit starken Fanszenen an einem Freitagabend aufeinandertreffen.

Die fleißigen Fortunen

Und erneut muss man eigentlich keinen Spieler des Deutschen Meisters von 1933 hervorheben. Vielleicht die bereits erwähnten Ayhan und Bodzek, sicher aber die enorm fleißigen Marcel Sobottka und Alfredo Morales. Hatten die Berichterstatter vor der Partie keine andere Floskel im Köcher, als dass Jean Zimmer, Matthias Zimmermann und Marcin Kaminski ihrem Ex- bzw. Nochverein etwas zu beweisen hätten, spielten die exakt so wie es der Spielplan vorsah, ja, Zimmermann und Kaminski sogar eher unauffällig. Nico Gießelmann hatte defensiv so viel zu tun wie Zimmer in der Vorwoche und deshalb wenig Zeit fürs Offensive. Und Marvin Ducksch? Auch wenn der zu wenig von seinen Kollegen bedient wird, um den Knipser geben zu können, wird immer deutlicher, dass er der Stürmertyp ist, der die gegnerische Abwehr oft und gern in Unruhe versetzt und so seinen Mitspielern Möglichkeiten eröffnet.

Dodi Lukebakio und Rouwen Hennings kamen spät, waren aber die Garanten dafür, dass die Fortuna in der letzten Viertelstunde immer gefährlicher wurde und dem Sieg sehr, sehr nahe war. Und bewiesen dabei nebenbei, welche Breite an taktischen Varianten dieser tolle Kader bietet. Und darauf kann man sich als Anhänger der rotweißen Diva freuen, dass nämlich auch in den nächsten Spielen auswärts in Nürnberg und zuhause gegen die Tabellenschlusslichter aus Gelsenkirchen und Leverkusen etwas Neues zu sehen und zu erleben sein wird – dank des modernen Herrn Funkel.

[Foto: Marcus Finger]

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1 Kommentar

  1. RubensTuna1638 am

    Klasse Beitrag!
    Immer noch überglücklich, begeistert
    und sehr stolz auf alle, die unserer lieben Tuna fleissig dienen dürfen:)
    Momentan scheint es, sie hat ihren MrRight gefunden zu haben und ist nun endlich glücklich vermählt…toi toi toi
    Alle für Tuna, Kämpfen, Kämpfen, Kämpfen und Siegen:),
    auch wenn es vielleicht mal höchtwahrscheinlich etwas holprige Momente kommen,
    das Positive möchte bitte bitte bei uns allen im Vordergrund bleiben…

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