Ist das noch Flamenco? Gegenfrage: Spielt das eine Rolle? Auch wenn das Stück „Bosque Ardora“ der spanischen Tänzerin Rocío Molina an manchen Stellen ein wenig überambitioniert wirkt, die tänzerische Leistung der kleinen Frau war grandios. Und über alles betrachtet eine sehr inspirierende Begegnung verschiedener Flamenco-Klischees mit dem modernen Tanztheater à la Pina Bausch. Rocío Molina tanzt die Hauptrolle und hat sich extra dicke Augenbrauen angemalt, was ihre ohnehin große Ähnlichkeit mit der Sängerin Björk noch betont. Überhaupt: Ähnlich wie die isländische Sängerin in ihrer frühen Phase dreht sich in Bosque Ardora alles um den Wald, um die Tier, um Jäger, also um Mann und Frau. Es beginnt mit einer Filmsequenz, projiziert auf den weißen Vorhang. Eine Frau treibt ihr Pferd im wilden Ritt durch den Wald, immer schneller. In den See hinein, wo sie ins Wasser stürzt. Sich aufrichtet und die Kamera sieht: sie ist das gejagte Tier.

Und dann öffnet sich der Vorhang, und die Tänzerin kauert in derselben Pose auf der Bühne, eine Fuchsmaske vor dem Gesicht. Auch hier ist es ein Wald. Fünfzehn Bäume umgeben die Spielfläche, zwei davon sind mit den Wurzeln nach oben aufgehängt. Der Fuchs tanzt, die Geräusche der Krallen auf dem Boden machen, durch Hall vervielfacht, die Musik. Ein weiterer Tänzer steht auf einer Metallfläche, auch seine Bewegungen werden vertont. Der Tanz wird ekstatischer, die Flamenco-Schuhe schlagen Funken. Ein Sänger erscheint und singt im klassischen Stil und in der Mundart der Gitanos. Zwei Tänzer in Sakkos und Krawatte stoßen dazu, und eine wilde Runde zwischen den Männern und der Füchsin beginnt. Aus dieser Ouvertüre entsteht ein anderthalb stündiger Parforceritt, der vom begeisterten Publikum immer wieder durch Szenenapplaus unterbrochen wird.

Die Musik zum Tanz findet live auf der Bühne statt. Zwei Posaunisten, merkwürdigerweise gekleidet wie Skinheads der Siebzigerjahre, wechseln zwischen perkussivem Spiel und Melodien ab, die teilweise weit in den Blues hineinragen. Ein Schlagzeuger begleitet fast das gesamte Stück mit einer Fülle an Geräuschen weit jenseits der einfachen Rhythmusklopferei. Ein Flamenco-Gitarrist kommt gelegentlich hinzu. Und der Typ, der anfangs Geräusche mit seinen Schuhen auf dem Eisen gemacht hat, fungiert als Rhythmushelfer und tritt gegen Ende einmal als klassischer Flamenco-Tänzer auf. Dazwischen spannt sich das Wechselspiel wie es im Flamenco grundsätzlich angelegt ist, wie es in der kastillischen Kultur, insbesondere der vorchristlichen, der maurischen, angelegt ist: Kultur vs Natur, Frau vs Mann. Kampf, Kämpfe, Siege, Niederlagen, Unterjochung, Unterwerfung. Am Ende erschießt ein getarnter Jäger die Füchsin bei ihrer Flucht quer über die Bühne.

Das alles ist furios und erheblich mit Bedeutung aufgeladen, für die man bisweilen gern den Ansatz einer Erklärung hätte. Zumal im Stück ein paar Ideen zu viel realisiert sind und auf der Bühne ein paar Requisiten zu viel herumliegen. Neben der grenzenlosen Bewunderung von Molinas Tanzkunst brachten Beobachtungen jenseits der eigentlichen Handlung spannende Momente. Wenn während des Spiels der Klatschkünstler dem Sänger Bemerkungen zuflüsterte, die der mit einem ironischen Lächeln kommentierte. Oder wenn der Schlagzeuger sich bei den Soundeffekten irrte. Oder wenn ein Tänzer der Tänzerin versehentlich auf den Saum ihres Kleides fiel – übrigens: Das Kleid, dass Molina in der zweiten Halbzeit trug, bestand aus dem auf Stoff gedruckten Foto des Waldes, der im Film zu Beginn zu sehen war. Das kann man auch als Wink mit dem Baumstamm verstehen.

Letztlich überzeugten die Passagen, in denen die Primaballerina mit oder ohne ihre beiden Tanzkollegen im Rahmen des modernen Flamencos buchstäblich die Bühne rockte. Das war mitreißend und trug der Truppe am Ende stehende Ovationen ein – zu Recht!

Rocio Molina – Bosque Ardora -Teaser from Mister Dante on Vimeo.

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