Sie hat in ihrem Leben wirklich nichts ausgelassen. Als die blutjunge Marianne Faithfull 1964 auf einer Party von Andrew Oldham, dem Manager der Rolling Stones, als „an angel with big tits“ vorgestellt wurde, ahnte niemand, was diesem unbekannten Groupie noch alles widerfahren würde. Die Liaison mit Stones-Frontmann Jagger verlief heftig und dramatisch. Zurück blieb der kurze, steile Aufstieg einer zarten, glockenklaren Stimme in die internationalen Charts 1964 mit „As tears go by“ (Jagger, Richards, Faithfull), ein Song, der auch die Stones einmal mehr in die Hitparaden katapultierte. Es folgte „Sister Morphine“ (1969), ebenfalls aus der Feder von Jagger-Richards, ein Song, der die Junkie-Karriere der Faithfull unterstrich, die sie anschließend zeitweise als Pennerin durch die Straßen von Soho vagabundieren ließ. Aber eine Faithfull gibt sich nicht auf. 1979 startete sie noch einmal durch. „Broken English“ (Titelsong) wurde ein Album, in dem sie mit ihrer ebenfalls gebrochenen aber gereiften Stimme ihre vorherige kurze Karriere wieder aufnahm. Fast alle düsteren Titel von „Witches’s Songf“ über „Brain Drain“ und „Guilt“ bis zu „Why D’Ya Do It?“ gehen tief unter die Haut.

“The Ballad of Lucy Jordan“ gelangte wochenlang in die Top Ten. Die Coverversion von „Working Class Hero“ (John Lennon) wurde ebenfalls ein Erfolg. Zwei Jahre später folgten die „Dangerous Acquaintances“:
Faithfull war nach wie vor eine wunderschöne Frau, die mit dunklen Balladen wie „Intrigue“ oder „Truth, Bitter Truth“ schweres seelisches Geschütz in der Musik-Szene auffuhr. Die Klatschpresse begleitete sie ständig, während sie noch Jahre brauchte, bis sie endgültig vom Heroin loskam. Inzwischen standen längst auch Brecht und Kurt Weil auf dem Repertoire ihrer zahlreichen Tourneen. Eine lange Narbe am Kinn weist auf einen Suizidversuch hin. Offen bekennt sie, dass sie HIV-positiv ist, sie laboriert mit Hepathitis C und auch ein 2006 frühzeitig diagnostizierter Brustkrebs lässt das Stehaufweibchen nicht verzagen – im Gegenteil: In der Rolle der „Irina Palm“ sorgte sie 2007 auf der Berlinale und international für erhebliche Aufmerksamkeit. Als schlichte, wenig attraktive ältliche Frau arbeitet sie hinter dem Gloryhole eines heruntergekommenen Sexbetriebes und wird dabei mit ihren sensiblen Handjobs zur unsichtbaren Attraktion des Etablissements. Eine mutige Rolle, die ihr viel Lob in den Reihen der Filmkritiker und Rezensenten einbrachte. Eine schwierige Hüftoperation macht ihr seit dem vergangenen Jahr erheblich zu schaffen. Trotzdem geht sie mit diesem Handycap auf ihre Jubiläums-Tour.

Ein Abend im Capitol
Jetzt kommt sie im Rahmen des New Falls Festival auf die Bühne des Capitol-Theaters. Stocksteif wegen ihrer Hüftprobleme schreitet sie bedächtig unter tosendem Applaus in die Mitte der Bühne ans Mikro, wo ein gediegener Louis XVI. Chair auf sie wartet. Wer denkt, dass es weiter im Stil einer fast 69-jährigen, ältlichen Lady abläuft, hat sich getäuscht. Mit freundlichem Charme begrüßt sie ihr Publikum, das nur zum Teil älter ist als sie selbst. Ein wenig tüddelig kommt sie dann doch herüber, vergisst zwischendurch lächelnd, was sie eigentlich erzählen wollte, sucht nach ihrer Brille und lässt sich von den bereiststehenden Bühnen-Roadies mehrfach Mikrophon und Technik richten. Dann plötzlich fetzt sie, begleitet von ihrer jungen, aber sehr professionellen Tour-Group, mit einer kraftvollen Stimme los, das stante pede alles von dem vorherigen Eindruck einer liebevollen Rock-Oma vergessen lässt. Mit dem Intro „Give my Love to London“, keine vermeintliche Reminiszenz, sondern eine bitterböse Abrechnung mit der Stadt, in der sie einen großen Teil ihres Lebens verbrachte, zeigt sie von Anfang des Konzerts an, wie viel Kraft in ihrer sinnlich-gebrochenen, rauen Stimme steckt, deren besonderer – erotischer – Reiz im faszinierenden, ständigen Kick des Überschlagens liegt.

„As tears go by“ klingt nicht wie ehedem traurig aber brav, sondern reif und erwachsen: mächtig und wild arrangiert mit wüsten Gitarrenriffs ihres brillanten Gitarristen. Obwohl sie sich bemüht, die meiste Zeit zu stehen, manchmal auch auf einen Stock gestützt, muss sich Faithfull zwischendurch wegen ihrer Hüftbeschwerden immer wieder setzen. Manche Texte liest sie offensichtlich teilweise vom Blatt ab, schlürft dabei so unprätentiös an ihrem bereitstehenden Teetässchen, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt. Dabei plaudert sie ein wenig Belangloses auch über „Mick and Keith“, um gleich anschließend, statt „Sister Morphine“, „a new drug song, Late Victorian Holocaust“ anzukündigen, ein weiteres Sück, das einem die Nackenhaare aufrichtet. Auch ihren Hit „The Ballad of Lucy Jordan“, ursprünglich von „Shel“ Silverstein geschrieben für Dr. Hook & the Medicine Show, bringt sie aktuell mit mächtigem Druck und viel rockigem Background, was ihr die Fans mit Standing Ovations danken.

Ein weiterer Leckerbissen auf der Setlist ist der Dylan-Song „It’s All Over Now, Baby Blue“ seinerzeit ein Welthit der Gruppe Them, fantastisch gecovert von Marianne und ihrer Band. Nicht fehlen durfte am Ende ein herausragendes Stück aus ihrem neuesten Album, „the only positive song“, „Sparrows Will Sing“, den Roger Waters, Gründungsmitglied von Pink Floyd, „an anarchist and a millionaire“, für Faithfull schrieb und produzierte: „Callooh, Callooh Callay“. „Love is Teasin“ ist die einzige Zugabe, a cappella.

Die tz und aktuell die Ruhr- Nachrichten schwärmen von Marianne Faithfull als der „Grand Dame der britischen Musikszene“. Mit derart ehrfürchtiger Hommage kommt man ihr allenfalls teilweise nahe. Die Faithfull schreitet zum minutenlangen Schlussapplaus von der Bühne, wie sie gekommen ist: freundlich winkend. Ja, auch eine „Grand Dame“, die jedoch mit mächtiger Stimme beweist, wie man als Grand Dame des Rock einen Saal zwei Stunden lang in den Bann ziehen und begeistern kann.

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3 Kommentare

  1. Nicki Blanchard am

    Ein hervorragender Artikel, der uns sehr einfühlsam und differenziert diese außergewöhnliche Frau nahe bringt.

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