Am 18.05.1966 um 09:30 meldete ein Rheinschiffer der Wasserschutzpolizei in Duisburg, er habe im Fluss einen großen weißen Wal gesichtet. Nach einigem Hin und Her und einer Prüfung auf mögliche Trunkenheit glaubten die Beamten dem Mann, und kurze Zeit später sahen sie das Tier selbst. Inzwischen sind die Ereignisse rund um Moby Dick – so wurde der Beluga nach ein paar Tagen von den Medien getauft – historisch durch und durch erforscht. Es gibt zwei Bücher zum Thema, einen Wikipedia-Eintrag und ein WDR-Zeitzeichen über die gut vier Wochen, in denen der Meeressäuger sich zwischen Emmerich und Bonn im Rhein tummelte. Jetzt exakt 50 Jahre später kann die ganze Geschichte auch als Lehrbeispiel für die Entwicklung der Medien betrachtet werden. Und das hat viel mit den genauen Terminen zu tun.

Der 18. Mai war im Jahr 1966 ein Mittwoch, der Tag vor Christi Himmelfahrt. Weil die Wasserschutzpolizei (WSP) so skeptisch war, erreichte die Meldung über den ungewöhnlichen Gast die Medien am selben Tag nicht mehr. Heute würde der Social-Media-Beauftragte der WSP sofort ein Posting absetzen, nachdem die Nachricht durch seine Kollegen bestätigt wurde. Kaum auf Facebook würde sich die Geschichte in Minutenschnelle rumsprechen. Als erste würden es die Radiosender und dann die TV-Stationen übernehmen. In den Nachrichtensendungen der Privatsender wäre es sicher die Hauptmeldung – ganz unabhängig was weltweit an einem solchen Tag politisch geschehen wäre. So aber landete die Meldung erst am Freitag in den Eingangskörben der Redaktionen. Vermutlich über den Umweg der Nachrichtenagenturen, die damals als einzige Instanzen den gesamten Nachrichtenstrom der Polizeidienststellen abhörten, in Nachrichten umwandelten und per Telexe verteilten.

Zuerst im WDR-Hörfunk, erst am Sonntag in der Tagesschau

Immerhin schaffte es der weiße Wal am Freitag, dem Brückentag, in die Nachrichten des WDR-Hörfunks. In die Zeitungen dagegen nicht, denn wie damals bei solchen Feiertagskonstellationen üblich, waren die Freitags- und Samstagsausgaben schon am Mittwoch weitestgehend fertig, und nur hochaktuelle Nachrichten, die es bis Freitag 10:00 in die dünn besetzten Redaktionen geschafft hatten, wurden noch „ins Blatt gehoben“. Am Samstag, also dem 21.05. war dann das erste Fernsehteam unterwegs, um Bilder vom Beluga einzufangen. Weil Dr. Gewalt, seines Zeichens Direktor des Duisburger Zoos, damals als Tierkenner bei den Medien den besten Ruf hatte, wendete sich die WDR-Redaktion an ihn. Und saß dann am Sonntag (22.05.) erstmals mit ihm im Boot, um den Wal zu fangen.

Am Montag kannte dann dank Tageschau und ZDF-heute die ganze Republik den niedlichen weißen Wal, der sich in den Rhein „verirrt“ hatte. Dr. Gewalt hielt sein Gesicht in jede Kamera und begründete seine Jagd damit, das arme Tier müsse vor der Vergiftung durch die dreckige Brühe, die damals den Rhein füllte, geschützt werden. Außerdem wollte er natürlich als erster Zoo in ganz Europa einen Beluga präsentieren können. Schon 1965 hatte man in Duisburg ein Delfinarium gebaut, um vor allem Tümmler zu zeigen. Das war typisch für Dr. Gewalt, der sich auch zum Entertainment-Charakter eines Tiergartens bekannte und die Popularität der TV-Serie „Flipper“ nutzen wollte. Aber die TV-Bilder eines von Jagdfieber gezeichneten Zoodirektors lösten mehr Widerwillen als Zustimmung aus.

Der Beginn der Umwelt- und Tierschutzdebatte

Am Ende der zweiten Woche (vermutlich am Freitag, 27.05.) hatten Tierschutzaktivisten einen Blimp gechartert und bewarfen die Flotte der Walfänger von oben mit Orangen, um sie an der Jagd auf Moby Dick zu hindern. Inzwischen war der weiße Wal täglich zwischen der niederländischen Grenze und ungefähr Benrath gesichtet worden. Einige Düsseldorfer Schulen hatten an diesem Freitag schulfrei gegeben, damit die Kinder am Rhein nach Moby Dick schauen konnten. Das folgende Wochenende stellt dann auch den Höhepunkt der ganzen Geschichte dar. Inzwischen war der Wal auch schon rheinaufwärts bis hinab nach Bonn gesichtet worden. Und überall standen die Menschen am Rheinufer und hielten Ausschau nach dem Beluga. Der hatte mittlerweile regelmäßig die Fangflotte veräppelt, war in deren Nähe aufgetaucht, um dann kurz vor knapp wieder abzutauchen, um dann Kilometer entfernt wieder an die Wasseroberfläche zu kommen.

Inzwischen war der weiße Wal schon nicht mehr weiß. Gerade das im Rhein oberhalb von Leverkusen massiv gelöste Phenol hatte seiner Haut nicht gut getan, er hatte Ausschlag und war mit grauen Flecken übersät. Das löste zum allerersten Mal eine ernsthafte Umweltschutzdiskussion in der Bundesrepublik aus, und viele Experten gehen davon aus, dass alle Bemühungen den Rhein sauber zu bekommen und den „blauen Himmel über der Ruhr“ (O-Ton Willy Brandt) zu schaffen, auf die Berichterstattung zurückzuführen ist.

Abflauendes Medieninteresse

Am Ende der zweiten Juni-Woche wurde Moby Dick zum letzten Mal im deutschen Teil des Rheins gesichtet. Am 18.06. soll er in Hoek van Holland gesehen worden sein, danach verschwand er in den Weiten der Ozeane. Da war das Medieninteresse auch schon erheblich abgeflaut; die Printmedien berichteten gar nicht mehr, ARD und ZDF hatten keine Stories mehr in den Nachrichten, nur der WDR berichtete einigermaßen kontinuierlich. Die Nachrichtenmagazine – hauptsächlich der Spiegel – und die Illustrierten – vor allem der Stern – hatten in zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben mehrere Stücke zu Moby Dick im Blatt. Der Spiegel schickte dann Mitte Juni noch einen mild ironischen Bericht nach. Was mit dem Wal nach seinem Abschied aus Deutschland geschehen war, erfuhr man erst Jahre später aus den bereits erwähnten Büchern.

Heute wäre die Sache anders gelaufen: Sicher hätte es Facebook-Gruppen und -Seiten gegeben. Der Hashtag #mobydick wäre über Wochen in den Top 20 gewesen, die Privatsender hätten Tonnen von Wal-Dokus gesendet, und in den dritten Programmen wäre mehrfach der Film „Moby Dick“ nach dem großen Roman von Melville gezeigt worden. Medienkonsumenten hätten erheblich mehr über den Beluga und über Wale allgemein gelernt, und die Umstände seiner Reise in den Rhein wären spätestens nach drei Tagen rundherum recherchiert und berichtet worden. So aber wurde der weiße Wal im Rhein vor allem Rolemodel für all die Sommerlochungeheuer, die jedes Jahr unsere Medien beleben, wenn sonst nicht viel los ist.

[Foto: Stan Shebs via Wikimedia]

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