Was machen bloß die armen Menschen, die gezwungen sind in einer Stadt zu leben, die nicht von einem Fluss durchzogen ist? Also, ich meine jetzt einen Strom, kein Bächlein wie Main, Ruhr, Isar oder Spree. Wohin gehen diese bedauernswerten Geschöpfe, wenn sie – vom Alltag belastet – die Seele auftanken wollen? Sie werden nie erleben, dass der Blick auf den mächtigen Rhein dafür sorgt, dass all die kleinlichen Sorgen nichtig werden. Wie das Wasser fließt, so verflüchtigen sich die schwere Gedanken, der Pessimismus.

Stehst du am Strom, dann ist dir immer bewusst, woher das Wasser kommt, welch langen Weg es hinter sich und welche Strecke es noch vor sich hat. Und dass dieser Rhein so schon seit Jahrtausenden fließt. Du erinnerst dich an die vielen Spaziergänge entlang des Ufers, auf der rechte oder linken Seite, an die Fahrradtouren und die ungezählten Abende an der Rheinpromenade – einem der schönsten Plätze der nördlichen Hemisphäre. Wie du da gestanden hast, nachdem der Tunnel fertig war und dir die Tränen in den Augen standen, weil du jetzt wieder in die Altstadt gucken konntest, ohne befürchten zu müssen, von durchgeknallten Autofahrer auf der Rheinuferstraße umgemäht zu werden. An die Blicke aufs Wasser aus den Fenstern der Kunstakademie. An die Sonnenuntergänge auf den Stufen mit der Altbierflasche. Abende auf dem Hausbootrestaurant. Lagerfeuer an Löricker Stränden. Kindertage im Strandbad Uedesheim. Bötchenfahrten nach Kaiserswerth. Das ganze Leben verbunden mit dem Fluss.

Dir fallen die Schlager und Schunkellieder der fünfziger Jahre ein. Willi Schneider singt „Wenn das Wasser im Rhein gold’ner Wein wär'“ oder „Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett gesehen„. Karnevalslieder: „Und sollt ich im Leben ein Mädel einst frei’n, dann muss es am Rheine geboren sein…“ Was du damals für blöden Kitsch gehalten hast, wird plötzlich ernst und wichtig. Wie dein Sohn an den Kasematten das erste Bier seines Lebens getrunken hat. Die Knutschereien im Mäusepark zwischen Rheinterrassen und Oberkasseler Brücke. Oder in einer Neumondnacht drüben auf den Oberkasseler Rheinwiesen, an einen der alten Bäume gedrückt. Kaum ein Erlebnis in der Stadt, das nicht direkt oder indirekt mit dem Strom zu tun hat…

Und heute fuhr ich mit dem Hund in die Altstadt. Zur Heinrich-Heine-Allee. Wir spazierten am Carschhaus vorbei zum Bolker Stern, dann die Bolker Straße hinab, durch die Gassen zum Burgplatz. Ein Stück die Promenade entlang. Dann runter aufs untere Rheinwerft. Den Hund von der Leine gelassen. Den Schiffen zugeschaut. Der Köter dreht seine wilden Rennrunden auf den Apollo-Wiesen. Zurück über den Fürstenwall. Anderthalb Stunden Urlaub.

Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär – Willy Schneider (1950)

[Zuerst erschienen im Vorgänger-Blog „Rainer’sche Post“ im März 2011]

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