Wenn man die gestrige Verlautbarung zum Rausschmiss des Dirk Kall liest und dann auch noch den heutigen Sermon des „kommissarischen Interimsvorsitzenden“, kann einem schlecht werden. Jedenfalls wenn man die deutsche Sprache liebt. Bei all den Worthülsen, Floskeln und Standardsätzen hat das rot-weiße Phrasenschwein vermutlich schon Blähungen. Und damit sind wir schon beim ersten langfristigen Fortuna-Problem: die Kommunikation. Nicht nur Profis auf diesem Gebiet kriegen vor lauter Kopfschütteln schon lockere Zähne, wenn sie diese Ergüsse lesen müssen, die einem als „Pressemitteilungen“ oder ähnliches verkauft werden. Man fragt sich auch schon seit Längerem, wie jemand darauf kommen konnte, Dr. Dirk Kall, einen bedächtigen Mittelmanager, als Kommunikations- oder gar PR-Profi zu bezeichnen, bloß weil er seine spitze Nase mal zeitweise in eine Agentur gesteckt hat. Nein, in allem, was der TSV Fortuna Düsseldorf 1895 in den vergangenen gut zehn Jahren offiziell verlautbart hat, schwiemelt der Spochtrepochtermuff der siebziger und achtziger Jahre und vom Blödesten von heute. Wie sollte es auch anders sein, wo doch auf diesem Feld nie einer am Werk war, der das gelernt hat?

Und nun geriert sich der ewige Jäger als Sieger im anhaltenden Machtkampf, den er seinerzeit angezettelt und zwischendurch immer schön am Köcheln gehalten hat. Ihm den „blassen Doktor“ (wie dessen Kritiker Dirk Kall gern genannt haben) als Vorstandsvorsitzenden vor die Nase zu setzen, muss er als Sakrileg empfunden haben, wo er doch der einzig wahre, der ständig aus dem Herz blutende und sich für den Verein den Anus erweiternde Fortune ist. Nun verspricht er, ganz Staatsmann, den Verein „in sämtlichen Bereichen wieder in ein ruhiges Fahrwasser zu führen“, als ob es genau das wäre, was der Fortuna fehlt. Unter Ruhe wird Paul Jäger so eine Art Friedhofsruhe verstehen, also den Zustand, in dem die interessierten Kreise so gelangweilt sind, dass sie zum Zustand des Vereins nichts mehr sagen. Gleichzeitig stellt er sich in seinem wirklich einzigartigen Phrasendokument als kleiner Rebell dar, der nicht „everybodys darling“ sein will und, ja, auch nicht bei der DFL und beim DFB. Ach ja, Herr Jäger? Wer zieht denn spätestens seit der Aktion 12/12 im gleichnamigen Jahr regelmäßig den Schwanz vor diesen beiden Organisationen ein?

Wer mauschelt mit den DFlern lieber im Hinterzimmer, als denen angesichts absurdester Spielansetzungen (SIEBEN mal an einem Freitagabend!) mal die Meinung der aktiven Fortuna-Fans zu geigen.? Genau, der Jäger, der Mauschelking, der halböffentlich behauptet, ihm sei die BILD auch Hassobjekt, der aber ganz öffentlich verkündet, „Flüchtlingshilfe zählt mehr als ein Boykott“ und damit die gesamte aktive und organisierte Fanszene vor den Kopf stößt. Denn eine Liste von diversesten Fangruppen, von denen sich einige noch ein halbes Jahr zuvor zu gerne an die Gurgeln gegangen wäre, hatte vehement gefordert, die heuchlerische Aktion des B-Blattes nicht mitzumachen. Beim darauffolgenden Spiel fand man das B-Logo dann überklebt, und die beiden Vorstandshasen behaupteten, das wäre von Anfang an so geplant gewesen.

Stellungskriege
Es ist dieser Mann, der den Populismus mit Haut und Haaren gefressen hat und immer was im Keller hat, damit ihm seine Vorgesetzten nicht am Zeug flicken können. Noch heute wird er gerühmt, sich total mutig mit der Begale des Erwins angelegt zu haben, wo doch viele wissen, weshalb er sich einen Streit vor dem Arbeitsgericht mit ihr problemlos hätte leisten können. Der Populismus des Paul Jäger wohnt in zwei Begriffen: „familiär“ und „gemeinsam“. Mit der Soße kann man natürlich aus jedem Mischmasch ein Mittagessen machen. Vor allem, wenn man dabei die Fanszene, die in der Geschichte der Fortuna eine einzigartige Rolle spielt, einwickeln kann – zum Beispiel mit ein paar Runden Freibier und dem Erscheinen in fanspezifischen Kneipen.

Paul Jäger mag glauben, dass er die Mitglieder im Vorfeld der Jahresmitgliederversammlung am 21.10. einwickeln kann, dass die ihn bestürmen, nicht bloß kommissarisch den „Präses“ zu machen. Aber auf die Unterstützung der beiden Fandachverbände darf er dabei nicht hoffen, zwischen denen und ihm hat das Tischtuch einen ziemlichen Riss. Und wenn sein taktisches Spiel mit den Medienvertreter, besonders denen eines vorwiegend in und für Köln gemachten Boulevardblättchens, mit zur Entlassung von Dirk Kall geführt hat, dann hat er möglicherweise nicht bedacht, dass so Stellungskriege in Gang gesetzt werden. Mindestens zwei starke Peer-Gruppen (um das unangenehmen Wort „Klüngel“ mal zu vermeiden) bringen sich und ihre(n) Kandidaten bereits in Stellung. Denn denen geht es vor allem darum, ihren Einfluss auf alle Belange des Vereins auszudehnen. Bei dem einen oder anderen, der als Vorstandsvorsitzender im Gerücht steht, könnten es aber auch schnöde Jobgründe sein, die das Amt so verlockend machen, denn das war ja im Fall des Kall erheblich dotiert.

Ein Konzept „Fortuna 2025“
Dabei springen momentan aber fast alle an den Verwerfungen beteiligten Personen und Partien viel zu kurz. Es geht nicht um Köpfe, sondern Konzepte. Die auf vielen Ebenen beschissene Lage der Fortuna hat ihre Ursache vor allem, weil nach dem Aufstieg in Liga 1 und erst recht nach dem sofortigen Wiederabstieg keinerlei konzeptionelle Überlegungen stattfanden – weder im Aufsichtsrat, noch im Vorstand und leider auch nur in einem kleinen Ausschnitt der Mitarbeiterschaft. Das kann man den handelnden Personen noch nicht einmal so richtig zum Vorwurf machen. Man vergesse nicht, dass die Fortuna bis weit ins Jahr 2012 hinein am Rand der wirtschaftlichen Existenz herumturnte und es den Verein jederzeit à la Bielefeld oder Duisburg hätte erwischen können. Nun sind die Finanzen leidlich gesund, das Sponsorenschiff läuft gleichmäßig unter gefüllten Segeln und es liegt Geld auf der Bank. Mit diesem Status quo, den Paul Jäger kürzlich voller Stolz den Medien verlautbarte, ist aber auch das Ende einer Phase erreicht, die mit dem Treiben des Präsidenten des Grauens (ein Kunstverhändler namens Achenbach – die Älteren werden sich erinnern) begann und durch die Mauscheleien des Jo Erwin nicht besser wurden. Erst die konsequente Arbeit an den Verträgen mit der Sportwelt und der darauffolgenden Konsolidierung konnte diese Gefahr gebannt werden – Dr. Dirk Kall als Aufsichtsratsvorsitzendem in dieser Phase und auch Paul Jäger als Geschäftsführer und Finanzvorstand gebührt dafür der ewige Dank der Fortuna-Freunde.

Viele ist dabei liegengeblieben oder poppte alle paar Quartale in Form von Worthülsen wieder auf, von denen „Professionalisierung“ noch die schmackhafteste war. Allein: Ein Unternehmen der Größe dieses Fußballvereins, das eine derart sinnlose Personalpolitik betreibt, wäre sicher längst pleite. Teilweise hantierten in der zweigeteilten Geschäftsstelle mehr Praktikantinnen und Praktikanten, und der Weg aus dieser auf die Leitungsebene war so kurz wie der Schwanz einer Manx-Katze. Dazu ein Marketing-Vorturner, der buchstäblich zeit seines Angestelltendaseins bei F95 seine Inkompetenz unter Beweis gestellt hat. Dass man dann einen ehemaligen Spieler in dieser Abteilung ins kalte Wasser stieß und so den Fans zum Fraße vorwarf, zeigt auch nicht von Verantwortungsbewusstsein der Firma gegenüber ihren Leuten. So ist die Stimmung in der Geschäftsstelle seit Langem immer auch mild frustriert, und wen man nach dieser Stimmung fragt, sagt in der Regel „Dazu sag ich nichts.“

Angeblich auf Initiative des just geschassten Dirk Kall wurde eine AG zur Identifikationsforschung eingerichtet, eine Gruppe, die methodisch den „Markenkern“ der Fortuna herausarbeiten und in der Folge ein Leitbild definieren sollte. Tatsächlich taten sich dabei eine gute Handvoll junge, flotte Mitarbeiter zusammen und erreichten in kurzer Zeit Erstaunliches. „Was ist Fortuna?“ lautet die Ausgangsfrage, und die Antwort – auf die sich dann alle Elemente des Vereins verständigen müssten – wäre die erste und vielleicht wichtigste Ausgangsbasis für ein langfristiges Konzept mit nachvollziehbarer Zieldefinition, klarer Strategie und einem Satz sinnvoller Maßnahmen. Dieses Konzept müsste im Wesentlichen drei Bereiche berühren: Kommunikation (und, ja, auch Marketing), Organisation (vor allem im Bereich Personalplanung, Führung, Aus-, Fort- und Weiterbildung) sowie – nicht zu vergessen – den Sport. Bisher beschränkten sich alle konzeptionellen Ansätze, wenn die entsprechend Sonntagsreden und Statement schnipsel so verstehen mag, auf die wirtschaftliche und die sportliche Seite. Wie man sieht mit einem guten und einem miesen Ergebnis.

Wer muss jetzt ran?
Wer die jüngere Geschichte der glorreichen Diva kennt, weiß, dass es nicht die Präsidenten und Geschäftsführer waren, die den Verein durch die dunkle Zeit gerettet haben, sondern Fans ohne Amt und Anstellung bei ebendiesem Verein. Es war die legendäre Montagsrunde, die anfangs der Nullerjahre eigentlich nur für eine brauchbare elektronische Kommunikation sorgen wollte, dann aber den Verein neu erfand, eine Truppe engagierter Fortuna-Freunde, die das Elend nicht mehr länger mit ansehen wollten, ganz verschiedene Personen mit ganz verschiedenen Berufen, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Position. Nicht zu vergessen die Satzungskommission, die noch heute als Hüterin der Satzung existiert und liebevoll „die Satzungspisser“ genannt wurden – Juristen, die sich über Jahre ehrenamtlich einen Haufen Arbeit gemacht haben. Da sind die Organisatoren der grandiosen Abriss-Partie gegen RWE, vom sensationellen Mythos-Tag am Flinger Broich, der Aktion 25.000+ und und und. In keinem Fall ging die Initiative von gewählten Vertretern, Funktionären oder Vereinsmitarbeitern aus. Diese Jagdhunde mussten von den Fans zum Jagen getragen werden.

Jenseits aller Stellungs-, Graben- und Erbfolgekriege nach bekanntem Muster, an denen sich die üblichen Verdächtigen abarbeiten werden, muss es also eine Initiative zur Neuerfindung der Fortuna geben. Die muss wieder aus den Kreisen der Fortuna-Fans und -Freunde kommen und sollte zunächst frei von der Mitarbeit von Funktionären, Vereinsmitarbeitern, Aufsichtsräten und Vorständen sein. Wer von den gewählten Vertretern an einem Konzept „Fortuna 2025“ mitarbeiten will, kann ja zuvor von seinem Amt zurücktreten. Und dieser Weg wird kein leichter, vor allem ein langer sein. Sollte sich eine Plattform noch in diesem Jahr zusammenfinden, dürften erste Ergebnisse nicht vor 2017 zu erwarten sein. Allein das wäre ein Indiz dafür, dass es nicht um Kurzfristiges, sondern um Nachhaltigkeit jenseits dieser inzwischen bei Fortuna totgenudelten Phrase handelt.

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2 Kommentare

  1. Michael Otto am

    Sinnvoll und nachhaltig die Zukunft ist der Verein und nicht die Personen oder Titel sondern Konzepte mittelfristige und langfristige Konzepte

  2. Ein (erneutet) Neuanfang ist notwendig und daher nur OHNE Paul Jäger möglich?? Forever 95??

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