Wir nennen uns ja manchmal “Experten” und meinen das eher selbstironisch. Denn, ja, wir sind Laien. Zumindest im Vergleich zu den Herren, die dafür reichlich entlohnt werden, die Mannschaft fit zu machen, richtig auf ein Spiel einzustellen, Systeme und Taktik zu bestimmen und bei Bedarf Auswechslungen vorzunehmen. Es tut schon ein bisschen weh, wenn man dem Team rund ums Team zum zweiten Mal ernsthafte Fehler attestieren muss. Dabei lief das Spiel in weiten Teilen der ersten Halbzeit wie nach einem F95-Drehbuch.

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Es begann mit hohem, aggressiven Pressing und den damit verbundenen Balleroberungen. Dazu feine Ballstafetten, gute Laufwege, zahlreiche gelungene Diagonalpässe und richtig Druck. So kam es in der 6. Minute zum viel umjubelten 1:0 durch Kasim Adams, der zum ersten Mal in der Startelf stand. Dass zur Klärung das Hawkeye herhalten musste – geschenkt. Und das war sogar schon die zweite Großchance, der noch einige folgen würden. Nach getaner Führung stellten erst die Gladbacher um, und die Coaches reagierten. Denn zunächst hatten sie eine Dreierkette aufgeboten, mit Adam Bodzek davor als falscher “Libero”. Jean Zimmer und Niko Gießelmann gaben die Flügelzange, und Matthias Zimmermann und Lewis Baker sollten das Mittelfeld dichtmachen und das Offensivspiel in Gang setzen. Dazu Kenan Karaman und Dawid Kownacki als Doppelspitze.

Spiel ohne Spitzen

Womit wir auch schon bei einem Problem sind, das sich letztlich durch die ganze Partie ziehen sollte. Denn weder Karaman, noch Kownacki haben sich den Titel “Spitze” ernsthaft verdient. Während der junge Pole über alles gerechnet einen ziemlich gebrauchten Tag in der Verlosung vorgefunden hatte, zeichnet sich Karaman vor allem durch herzhafte Balleroberungen und ein enormes Laufpensum aus. Wenn man aber auf Flügelspiel setzt, dann sollte doch in der Mitte jemand spielen, der nichts anderes im Kopf hat als zu knipsen. Ja, Rouwen Hennings ist gemeint. Und der kam erst in der 79. Minute für Kownacki, den man immerhin für seine konsequente Defensivarbeit loben kann.

Da stand es aber schon 1:1, weil sich Gießelmann – Frankfurt lässt grüßen! – wieder hatte überlaufen lassen. Der Pass des Gladbachers war flach und scharf, aber der Torschütze hätte niemals einlochen können, wäre Kownacki ihm nicht auf der falschen Seite gefolgt. Der Wechsel von ihm zu Hennings kam viel zu spät und wäre spätestens in der 60. Minute fällig gewesen. Also zu dem Zeitpunkt, als die Fortunen zu schwächeln anfingen. Punkt 2 zur Kritik: Konditionelle Mängel sind bei einigen Spielern deutlich geworden. So richtig fit wirkten eigentlich nur Ayhan, Hoffmann, Bodzek, Zimmermann und der bereits erwähnte Karaman.

Kritik trifft die Falschen

Für eine druckvolle, konzentrierte und spielerisch überzeugende erste Halbzeit hat es noch gereicht. Nun haben Sportvorstand Lutz Pfannenstiel und auch Cheftrainer Friedhelm Funkel in der Nachbesprechung der Mannschaft vorgeworfen, nach der Pause zu zaghaft und mutlos agiert zu haben. Der Gipfel der ungemessenen Kritik ist aber, die Entstehung des Siegtreffers dem Verhalten der Freistoßschützen anzukreiden, die angeblich eine nicht eingeübte Variante vollführten, wobei beide Innenverteidiger im gegnerischen Strafraum auf Kopfballmöglichkeiten warteten. Hey, das war in der 87. Minute! Das war die Chance aufs Siegtor! Da gehen natürlich alle langen Kerle in den Sechzehner. Und, ja, natürlich besteht dann das Risiko sich einen Konter zu fangen. Hätte die Mannschaft lieber auf Sicherheit spielen sollen? Oder ist dieser Vorwurf nur der Versuch der Verantwortlichen, sich aus selbiger zu stehlen?

Wir müssen aber auch knallhart die konditionellen Mängel ansprechen. Wenn am 5. Spieltag eine Mannschaft, die außer im DFB-Pokal in keinem anderen Wettbewerb anzutreten hat, spätestens ab der 70. Minute mehr oder weniger platt ist, dann liegt das nicht an den einzelnen Spielern, sondern am Training und an den Fitness-Maßnahmen. Können wir darüber einfach einmal offen und kritisch diskutieren? Zumal sich dieselbe Schwäche schon beim Auswärtsspiel in Frankfurt zeigte.

Der Weltklassetorhüter

Wo aber bleibt das Positive? Okay, das Positive hat einen Namen, es heißt Zackary Steffen, genannt Zack. Die Fortuna der Saison 2019/20 hat einen wahren Weltklassetorhüter im Kader! Was der Ami rausholte, war märchenhaft. Wir zählten sieben ernsthafte Rettungstaten, zwei davon auf dem Niveau der Besten der Besten in den Kästen. Nicht nur das: Zack hat jederzeit alles im Griff. Auch im Kuddelmuddel, das zum 2:1 führte, wehrte er ab, was abzuwehren war. Aber, wenn vier gegnerische Stürmer sich im Fünfmeterraum nur milde behelligt am Knipsen versuchen dürfen, dann macht auch dieser Ausnahmetormann nichts mehr.

Übrigens: Nachlassende Kraft hat nicht nur Auswirkungen auf die Geschwindigkeit, sondern auch auf die Konzentration und damit auf die Genauigkeit. Das konnte man bestens an Adams beobachten, der in den ersten 45 Minuten ein ordentliches Spiel machte, aber mit tickender Uhr immer konfuser und letztlich schlampiger agierte. Außerdem wollte der gegen Ende alles – vielleicht motiviert durch sein Tor trieb er sich nach der 70. Minute in den unmöglichsten Situationen am gegnerischen Sechzehner herum, wo er als IV in einer Viererkette eigentlich nur bei Standards was zu suchen hat. Kaan Ayhan trat gewohnt souverän auf, litt aber später ein bisschen unter der leichten Verletzung, die ihm ein kloppender Gladbacher zugefügt hatte.

Kevin Stöger, bitte komm schnell zurück!

Was machen wir bloß mit Lewis Baker? Dass der was kann, steht außer Frage, aber im Kopf hat er offensichtlich ein größeres Problem, das ihn oft davon abhält, in einer gegebenen Lage die richtige Entscheidung zu treffen. Fleißig ist er, schussgewaltig und körperlich immer präsent. Nur, ein Spielmacher wird aus ihm nicht werden. Wie hieß es im Block: Hoffentlich kommt Kevin Stöger rechtzeitig in die Mannschaft. Bei den eingeübten Systemen wäre er – am besten im Verbund mit Marcel Sobottka – genau das, was den Unterschied zur Jetztzeit ausmachen könnte.

Wie gesagt: So wie die Dinge liegen, spielten die Fortunen ohne echte Spitze. Vielleicht täuschen wir uns auch alle in Kownacki, von dem wir wissen, dass seine Fähigkeiten in einer Rolle als Flügelstürmer verschenkt sind. Möglicherweise muss er einen echten Mittelstürmer spielen, einen, der sich die Bälle auch mal selbst holt, der bei Bedarf ins Dribbling geht, sich in der Mitte durchdribbelt, um dann abzuschließen. Kann aber auch sein, dass er diese Rolle nur im Zusammenspiel mit zwei echten Außenstürmern (Nana Ampomah, Börnie Tekpetey) ausfüllen kann. Apropos: Wenn die Trainer schon beschließen, dreimal offensiv zu wechseln, weshalb kommen dann nicht Ampomah und/oder Kelvin Ofori, die mit ihrem schieren Speed die Gladbacher hätten schwindlig spielen können.

Sinnlose Auswechslungen

Der Wechsel von Baker zu Erik Thommy ließ jedenfalls stauenden Münder im Block zurück. Was soll das denn jetzt? war eine mehrfach gestellte Frage. Man konnte darauf spekulieren, dass Funkel & Kollegen so mehr Offensivdrang auslösen wollten. Wenn man aber die einzige Schaltstelle im Mittelfeld rausnimmt und dafür Bodzek ein bisschen vorzieht (der ja nun alles Mögliche ist, aber kein Regisseur), dann kann ein Thommy noch so viel dribbeln, es werden keine Pläne dabei entstehen. Das war übrigens in der 58. Minute. Was die Coaches geritten hat, knapp zehn Minuten später Jean Zimmer rauszunehmen und durch Thomas Pledl zu ersetzen, werden sie vielleicht selbst nicht wissen.

Jedenfalls war das fortunistische Offensivspiel damit praktisch erledigt, und mit Zimmer fehlte auch noch der etatmäßige Eckballtreter. Die Achse Zimmermann-Zimmer war damit auch kaputt, sodass über rechts nicht mehr viel lief. Apropos: In der ersten Halbzeit gerieten die Gladbacher einige Male durch Rochaden von Zimmer und Gießelmann ins Schwimmen. Wobei man überhaupt sagen kann, dass BMG in der Defensive phasenweise so schlimm spielte wie unter der Woche gegen Wolfsberg. Zwischen etwa der 35. und der 45. Minute hätte die Fortuna nachlegen müssen, und – wäre, wäre, Fahrradkette – ein 0:2 hätte die Millionentruppe aus dem ostholländischen Bauernkaff sicher nicht gedreht.

Was bleibt nach diesem schwülen Sonntagnachmittag in diesem unerfreulichen Kasten auf der gar nicht so grünen Wiese? Enttäuschung, Frust und ein bisschen Wut, dass die gute Leistung des Teams über 45 Minuten und der grandiose Support im ganzen Auswärtsbereich nicht belohnt wurden. Angebrannt ist noch nichts, aber Friedhelm Funkel, Thomas Kleine, Axel Bellinghausen und auch Athletiktrainer Robin Sanders sollten sich dieser Tage mit einer gehörigen Portion Selbstkritik zusammensetzen. Der einzige Trainer, der gerade keine Sorgen hat, ist Claus Reitmeier, der seinen Torwart Nr. 1 einfach nur bei guter Laune halten muss.

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2 Kommentare

  1. Den Ärger teile ich, habe mir im Verlauf der letzten Saison auch das Unken abgewöhnt, finde aber die harsche Kritik an den vermeintlich konditionellen Mängeln sehr waghalsig – Gießelmann mal ausgenommen. Doch leider stecken wir offenbar wieder im vertrauten Muster, dass die gegenerische Mannschaft sich gegen Fortuna jeweils sanieren kann.

    Stöger spielte – gut beraten – auch erst spät brilliant, da hat der Engländer bei mir allemal noch Kredit.
    Kownacki hat m.E. schon gegen Wolfsburg enttäuscht; vermutlich aber ein “Regiefehler”:
    Wenn der nicht funktioniert, ist das mit Sicherheit ein Fehler der Leitung.
    Hennings muss spielen. Immer. Basta.

    Nie akzeptieren werde ich, dass jener Rumpelkicker, der einst vom MSV kam, immer noch gesetzt ist. Ich kann auch die durchsichtigen Standard-Bewertungen nicht mehr ertragen (“Er hat sich immer sehr bemüht”). Auf die Position gehört jemand, der wirksam gegen den Ball, aber bitte auch mal spieleröffnend wirken kann.

    Aber: Fürchtet euch nicht!

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