Sisyphos war ein Schlitzohr, den nach mehrfachem Austricksen des Todes die Strafe der Götter trifft: auf unbestimmte Zeit muss er einen schweren Felsen einen steilen Berg hinaufwuchten, der dann wieder runterkugelt, sodass Sisyphos nochmal ranmuss; und das immer wieder. Früher fand man diese Strafe furchtbar, heute sagen viele: Wieso? Da hat der doch wenigstens was zu tun. Sinnbildlich steht der Sisyphos aber für Systeme, die das mit dem Arsch einreißen, was sie vorher aufgebaut haben. Insofern kann man sagen, dass die glorreiche Fortuna schon seit Jahrzehnten nach dem Sisyphos-Prinzip agiert. Zum Beispiel gerade jetzt: Auch, wenn am Ende der Saison dann doch vielleicht möglicherweise einigermaßen sicher wahrscheinlich kein Abstieg steht, befindet sich der Club in etwa auf dem Niveau von 2008. Kurz nach dem Nichtaufstieg in die zweite Liga.

Es war eine schöne Zeit

Aus Sicht engagierter Fans, die schon damals aktiv dabei waren (zu denen zählt sich auch der Verfasser dieser Kolumne), war das eine ziemlich schöne Zeit. Man war im kleinen Kreis unter sich, die Nähe zu Spielern, Trainern und Funktionären war groß, und wenn man sich mal in der Wolle hatte, hat man sich kurz, aber heftig gezofft und anschließend beim Bier wieder vertragen. Höhepunkt dieser schönen Zeit war das entscheidende Spiel am 31. Mai in Erfurt (siehe diesen alten Reise- und Spielbericht). Fortuna war da voll und ganz Familie. Im Block stand Paul Jäger, und Axel Bellinghausen und Frank Meyer kommen zu Besuch und werden begrüßt wie verlorene Söhne. Im Sonderflug nach Erfurt sitzen Ex-Spieler, Aufsichtsräte, Vorstände, Journalisten und Anhänger durcheinander und plaudern – soweit plaudern bei der hohen Spannung möglich ist. Die Stimmung im Steigerwaldstadion ähnelt im Gästebereich der im Paul-Janes-Stadion. Mehr als 10.000 Fortunen sind angereist. Und der Nachmittag wird spannend…

Damals war Peter Frymuth, der heute als DFB-Vizepräsident den ganzen Scheiß mittragen muss, den dieser Verband des Grauens regelmäßig anrichtet, Vorstandsvorsitzender, und Thomas Allofs saß ebenfalls, aber meist schweigend, im Vorstand. OB Joachim Erwin war gerade gestorben, und der Aufsichtsrat war mehr oder weniger führungslos. Der Fanblock wurde organisiert vom SCD und geführt von UD unter besonderer Mitwirkung von Kapo Niko. Die alten Kreise, die in den späten Neunzigerjahren, als es der Fortuna aber mal so richtig dreckig ging, hatten Bestand, und man redete auch über die Tellerränder des eigenen Klüngels miteinander. Das Ziel war klar: Fortuna muss erst in die zweite und dann in die erste Bundesliga. Und zwar ohne ihre Seele an den Kommerzteufel zu verkaufen. Darüber waren sich damals alle einig. Einig war man sich nur nicht, wie schnell und auf welchem Weg die Aufsteigerei zu erreichen sei.

Von Putschversuchen und der Professionalisierung

Als dann Marco Christ die Fortuna unter der Leitung von Schiriin Bibi ein Jahr später in die zweite schoss, war die Freude groß, aber die Erschöpfung auch. Bei der Feier im Stahlwerk direkt nach der Partie konnte von Euphorie keine Rede sein. Es fühlte sich mehr an wie „So, datt hammer. Und jetzt?“ Außerhalb der Kreise der Treuesten der Treuen aber weckte der Aufstieg Begehrlichkeiten. Diverse Stadtpromis und Wirtschaftsbosse der Stadt wollten jetzt dabei sein und trauten den Akteuren den nächsten Schritt nicht zu. Es kam zu Beginn der Sommerpause zu einem veritablen Putschversuch.

Aus der gingen der damals existierende Aufsichtsrat mit Dr. Dirk Kall an der Spitze und VV Peter Frymuth einigermaßen gestärkt hervor. Aber das böse Wort von der „Professionalisierung“ stand plötzlich quer im Raum. Gut, wer in der damaligen Zeit mal hinter die Kulissen der Geschäftsstelle schauen durfte, hätte bei dem bewussten Wort heftig genickt. Auch die Ein-Mann-Kommunikationsabteilung hatte ein bisschen Fortbildung nötig. Selbst rund um die Mannschaft herrschten bestenfalls Dritt-Liga-Bedingungen. Also machten sich die Entscheider unter weitestgehender Rückendeckung durch die engagierten Fans ans Werk.

Schulden, Schulden, Schulden

Zu diesem Zeitpunkt war die Fortuna bei der Kölmel’schen Sportwelt noch heftig verschuldet und nicht im Besitz der eigenen Vermarktungsrechte. Alle war klar: Diese Baustelle musste erledigt werden, damit es weitergehen kann. Über das Wer Wie Wann und Wo der Ganz Großen Entschuldung kursieren verschiedene Versionen. Die meisten interessierten Mitglieder halten den aktuellen Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Reinhold Ernst für den Cleaner, aber so richtig historisch wasserfest lässt sich das nicht belegen. Und obwohl dieser hochrangige und global agierende Wirtschaftsanwalt vor seiner Amtszeit sehr wohl normaler Fan mit Dauerkarte für die Süd war, genoss er abwechselnd eine Bewunderung Obama’scher Ausmaße oder die Verachtung der einfachen Leute gegenüber den Eliten.

Ohne die Historie nun ganz aufzurollen: Rein rechnerisch war die Fortuna nach einem Sieg und einem Unentschieden in der Relegation gegen Hertha BSE am 15. Mai 2012 aufgestiegen. Aber ein Platzsturm samt ausgegrabenen Elfmeterpunkt trieb die verschissene Bande rund um den Preetz zum Protest, und die Fans der glorreichen Fortuna wussten über Wochen nicht, in welcher Liga die Mannschaft in der Spielzeit 2012/13 antreten würde. Man überlebte die ganze widerlichen Juristereien und durfte bei den Großen mittun. Weil aber das Team bei den Großen mittun durfte, meinten die Funktionsträger, sie müssten sich auch staatstragend wie die Großen aufführen. Und vor allem weder der DFL, noch dem DFB Widerworte geben. Da war schon klar, dass Präses Frymuth zum DFB wechseln würde, und der gesamte Vorstand holte sich mit Methode einen braunen Hals. Dies in einer Phase, in der es zum offenen Widerstand der deutschen Fußballfans gegen den Verband kam.

Die Entfernung von den Fans

Weil die Vertreter des DFB gutwillige und diskussionsbereite Fan-Vertreter in Sachen „kontrollierte Pyro“ methodisch belogen hatten, wurde die Aktion 12:12 ausgerufen, nach der die lautstarken Anhänger sich bis zur 12. Minute jeden Spiels einem Schweigegelübde unterzogen. In den Stadien kam es zu gespenstischen Momenten, die deutlich zeigten, wie sich Fußball ohne Support anfühlen würde. Die Vorstände verschiedener Vereine solidarisierten sich mehr oder weniger stark mit der Fan-Initiative – die des TSV Fortuna Düsseldorf 1895 natürlich nicht. Also beschlossen die F95-Anhänger einen Stimmungsboykott am 18. Dezember während des Pokalspiels in Offenbach gegen die Kickers. Fortuna schied aus, und der Finanzvorstand Paul Jäger rastete auf dem Busparkplatz aus und beschimpfte Fortuna-Fans als „Wichser“. Damit begann das rasante Auseinanderleben von Verein und Fans.

Das hatte es auch in den unseligen Zeiten eines Präsidenten Achenbach gegeben. Und davor in der Ära Bruno Recht. Aber dass dies geschehen konnte, obwohl es tatsächlich die engagierten und aktiven Fans – von Oldschool-Jungs und Hools über alte Kuttenträger und neue Ultras bis hin zu diversen Normalos – waren, die den Verein Fortuna Düsseldorf durch ihr Engagement am Leben erhalten haben. „Wir sind der Verein“ sagen noch heute diejenigen, die damals dabei waren: in der Montagsrunde, die die Grundlagen für eine neue Satzung legten, die daraus entstandene Satzungskommission, beim legendären Abriss-Spiel im Rheinstadion gegen den RWE und beim ebenso legendären Mythos-Spiel am Vatertag 2003. Bei diesen Aktivitäten waren Leute wie OB Erwin gar nicht dabei und die zu der Zeit existierenden Funktionäre höchstens als Zaungäste.

Ein mitgliedergeführter Verein

Das ist das Erbe des Sisyphos namens „Fortuna“: Die Fans haben den Stein den Berg hinauf gerollt, und die Funktionäre lassen ihn wieder hinab rollen. Wo es jetzt sportlich nicht so gut läuft und sich daraus massive finanzielle Probleme ergeben werden, ist es also an der Zeit, dass sich die engagierten und aktiven Mitglieder wieder einmal hinter diesem Stein versammeln und sich an die Arbeit machen. So unterschiedlich die Charaktere der Akteure, so unterschiedlich die Positionen, so einig ist man sich quer durch die Fan-Schaft, dass JETZT der Zeitpunkt ist, an dem die Fans das Heft in der Hand nehmen müssen. Und das bedeutet: Es muss ein ähnlich radikales Aufräumen geben wie am Übergang der Ära Achenbach zur Episode Steffes-holländer. Da man sich an die demokratischen Regeln der VON FANS GESCHRIEBENEN Satzung halten wird, haben diese engagierten Fans nur einen Hebel in der Hand: die Besetzung des Aufsichtsrats. Und der wird zur Jahresmitgliederversammlung im Oktober 2017 teilweise neu gewählt.

Es geht also darum, aktiv Einfluss auf die Besetzung dieses Gremiums zu nehmen, das vor allem für die Bestallung der Vorstände zuständig ist, um so zu erreichen, dass auch auf dieser Ebene das historische Erbe der Fortuna als mitgliedergeführter Verein akzeptiert und ernstgenommen wird. Die ersten konkreten Vorschläge stehen im Raum. Vorgeschlagen wird unter anderem ein runder Tisch, an dem sich verschiedenste Vertreter verschiedenster Fan-Kreise treffen und mitglieder- und fan-öffentlich, also völlig transparent das Vorgehen diskutieren, formulieren, beschließen und in praktisches Handeln umsetzen – quasi „Montagsrunde reloaded“. Entscheidend für den Erfolg eines solchen Konstrukts wird sein, dass sich Protagonisten ihrer kleinen und großen Eitelkeiten enthalten und tatsächlich so reden und handeln, dass es ihrer großen Liebe, der Fortuna, nutzt.

Am Ende kann nicht nur ein personell veränderter Aufsichtsrat stehen, der den einen oder anderen Vorstand abberuft, sondern möglicherweise eine tiefgreifende Satzungsänderung, die nicht nur den Einstieg von Investoren grundlegend verbietet, sondern mehr plebiszitäre Elemente einführt, die gerade in Krisensituationen als Korrektiv für fan- und mitgliederfernes Handeln von Vorstand und Aufsichtsrat dienen können. Transparenz, um eine Forderung aus 2008 aufzugreifen, darf von den Gremien nicht als Geschenk an die Fans oder lästige Pflicht betrachtet werden, sondern muss integrierter Bestandteil der Arbeit sein.

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