Ja, ja, früher war alles besser. Da war der Fußball noch rund und das Fan-Dasein ein einziges großes Abenteuer. Und dann fiel ganz plötzlich „Der moderne Fußball“ vom Himmel und hat uns alles kaputtgemacht, männo! So mimimien die Freunde des getretenen Rundballs, die sich fest zu einem Verein bekennen und die Verwandlung von Fußball in Soccer-Entertainemt scheiße finden. Da muss man ja nach den Schuldigen suchen. Auf je-den Fall: der DFB, die Riege der alten grauen Männern in der Frankfurter Schneise, quasi die Illuminaten des deutschen Fußballs, die aus dem Nazidenken geboren über den Sportsgeist hinweggehuscht beim Kommerzkack gelandet sind. Die Reihe der DFB-Präsis spricht da Bände. Dass nun ausgerechnet der Ex-Journalist aus dem Fortuna-Umfeld den Vorturner macht, ist in beide Richtungen aussagekärftig. Dazu später mehr. Schuld trägt natürlich auch das viele Geld. Und deshalb vor allem Sky und DSF. Denn die geben dieser DFL (Auch schuld! Auch schuld!) massenhaft Kohle, um im Gegenzug die Soccer-Entertainment-Events im Fernsehn zeigen zu dürfen. Und wir reden da schon fast von Milliarden. Weil von diesem Wahnwitzschotter nicht wenig (wenn auch extremst ungerecht verteilt) an die Soccer-Unternehmen, die sich immer noch „Vereine“ und „Clubs“ oder gar „Spielvereinigungen“ nennen, fließt, können die absurde Preise für Kicksklaven raustun. Und diesen jugendlichen Söldnern Heidengehälter zahlen.

Und das verwandelt diese Profifußballer mitsamt ihrer Berater in Kleinunternehmen mit Millionenumsätzen. Da kann man doch nun nicht allen Ernstes verlangen, dass so ein Soccer-Angestellter einfach nur Fußball spielt und sich Sentimentalitäten leistet wie Herzblut für einen Verein. Also sind auch die Spieler und ihre Berater schuld am Ende des Fußballs wie wir ihn kennen und lieben. Oberschuld sind aber vor allem die Scheißeventies (So nennen die Nostalgiker unter den Dauerzuschauern alle anderen) und die Sofafurzer mit Sky-Abo, weil die nicht „supporten“. Und deswegen spielen die Männer in den kurzen Hosen mit zu wenig Leidenschaft. Wo die doch auch eigentlich Emotionsautomaten sind, wo „die Fans“ oben Anfeuerungsrufe und -gesänge sowie Trommelschlag, Pyroshow und Hinterherreisen reinwerfen, da soll dann unten leidenschaftliche Identifikation mit „dem Verein“ rauskommen. Ja, wo sind wir denn? Ja, genau, wo sind wir denn inzwischen eigentlich? In einem Multimillarden-Global-Business. Das ist so, das wird solange anhalten, bis der Kapitalismus endlich abgeschafft ist.

Mit schuld sind natürlich auch die Vereinsfunktionäre, die nun schon seit Jahren über „Proffessjenalesierung“ schwafeln und damit meinen, aus dem Spiel ein Geschäft zu machen, aus den Spielern und Trainern Angestellte und aus den Zuschauern Kunden. Das finden sie professionell, und damit das alles nicht so herzlos wirkt, blubbern sie Sentimentalitätsblasen oder faseln in einer Tour von Nachhaltigkeit und ähnlich grünem Quatsch. Wenn Vorstände oder Präsidenten über „den Aufstieg“ salbadern, dann meinen sie den Weg an die dickeren Fleischtöpfe. Und wenn sie von diesen dicken Pötten träumen, dann meinen sie den Kauf teurer Spieler. Und 95 Prozent der „Fans“ des betreffenden Vereins finden das klasse, weil: Sie wollen ja auch mal Champignons-Liga und Ronaldo oder so. Schließlich zahlen sie ja Eintritt, leisten sich teuere Dauerkarten (neben dem Sky-Abo) und geben Unsummen für Auswärtsspiele aus. Da wollen sie natürlich was zurück. Ist ja wie im Laden: Ich leg den Hunni auf die Theke, dann will ich auch Kram für’n Hunni.

Vielleicht am schuldigsten sind die Nostalgie-Fans, die sich selbst auch „Oldschooler“ nennen, denn die lehnen vor allem den modernen „Support“ ab. So’n Vorsänger hamse früher in den wilden Achtzigern auch nicht gebraucht, keine Megafone und Lautsprecher. Da war noch Stimmung! Was Dutzende Augenzeugenberichte und Hunderte TV-Aufzeichnungen widerlegen. Außerdem hat man sich früher ständig mit den Gegnern geboxt, und so ist nunmal Fußball. Dass sie damit nur den winzigen Teil ihrer Jugend heroisieren, den sie vom Alkohol und Testosteromn benebelt auf Fußballplätzen vergeudet haben, wollen sie nicht wahrhaben. Entwickelt haben sie sich so wenig wie die Spezies, die ständig Spielberichte von Patien absondern, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen; dies zu können, nennt man eine „Inselbegabung“.

Kommen wir also zur Entlassung von Oliver Reck als Cheftrainer der Fortuna. War der Rauswurf von Norbert Meier noch durch Gerüchte von wilden Rumvögeleien geprägt und die Trennung vom Buyo Büskens eher ein Gnadenstoß (Der musste vor sich selbst geschützt werden), ist die Causa Reck nun ein weiterer Beweis dafür, dass auch der TSV Fortuna Düsseldorf von 1895 im modernen Soccer-Business angekommen ist. Denn dieses Mal wird nur eine einzige Begründung beigezogen: sportlicher Misserfolg. Wir wissen ja, dass mit „sportlicher Misserfolg“ eigentlich „negative Umsazerwartung“ gemeint ist. Das Managament des Kick-Unternehmens geht davon aus, dass mit einem Abteilungsleiter Reck die Eroberung neuer Märkte nicht möglich sein wird. Und beauftragt den HR-Manager Schulte mit dem Rekruitieren eines anderen Coaches, der mittelfristig für mehr Umsatz sorgen wird.
Wobei übrigens auch die Aufwertung der Human Assets zu seinen Aufgaben gehört, also die Marktwertoptimierung von Söldnern, die eigentlich nichts ins System passen, aber nur mit Profit vertickt werden können, wenn sie sich aift genug auf dem Platz die Beine verdreht haben. Außerdem muss der Angestellte auf der Trainerposition für Anlegerfantasien bei den Sponsoren sorgen und den zahlenden Kunden möglichst viel Spektakel bieten. Traut man es einem wie Olli Reck nicht mehr zu, wird er geschasst. So geht’s Business.

Was so schrecklich daran ist: Dass „die Fans“ inzwischen – von den Soccer-Simulationen auf PCs und Konsolen vollends verblödet – nur noch innerhalb dieses Schweinesystems, das mit Fußball nicht mehr zu tun hat, zu argumentieren, also alles auch nur in Geldkategorien zu messen bereit und in der Lage sind. Damit machen sie sich selbst zu kleinen Rädchen in der Soccer-Maschine, die am Ende alles frisst, was diesen verfickten Fußball mal so schön gemacht hat. Weil das alles nun auch bei der Fortuna angelangt ist, die bis vor wenigen Monaten immer noch nach einem Gegenbeispiel aussah, können sich Gegner des modernen Fußballs auch hier die Rosinen vom ehrlichen Fußball mit echten Emotionen aus dem Hirn picken. In den Büros der Espritz-Arena ticken die Uhren jetzt auch nur noch wie in München, Hamburg, Berlin, Hoffenheim, Leverkusen, Wolfsburg, Ingolstadt und und und…

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3 Kommentare

  1. Ich frage mich auch schon etwas länger, ob ich nicht lieber zur TuRU gehen soll. Deren Spielstätte liegt auch näher für mich als das Rheinstadion. Obwohl mit dem Radl im Frühjahr am Rhein entlang Richtung Messe zu juckeln war bislang auch ganz nett.

    • Rainer Bartel am

      Marcuse hat gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Heißt hier konkret: Natürlich geh ich weiter zu Fortuna. Ich bin auch nicht wütend oder enttäuscht über die Entwicklung – sie war seit dem Aufstieg 2009 vorhersehbar. Der aktuelle Aufsichtsrat und der aktuelle Vorstand werden sich versuchen, den Anschein eines „familiären Profivereins“ aufrecht zu erhalten; und viele werden’s glauben.

      Tatsächlich hoffe ich auf die – von mir seit 2006 vorhergesagte – Spaltung des Soccer-Business in eine global agierende Entertainment-Industrie (à la US-Sports), wo die Milliarden nur so fließen, wo perfekter Fußball gespielt wird und die Kunden auf ihre Kosten kommen und den (fast) echten Fußball im Stil der Zeit vor dem 2006er-Sündenfall.
      So wie sich in Deutschland die ersten drei Ligen entwickeln, könnte das Schisma hierzulande sogar früher kommen.

  2. Drachentaler am

    Mein Interesse, meine Leidenschaft hat schleichend im Erstligajahr nachgelassen. Irgendwie habe ich mich kurz nach dem Anpfiff immer gefragt was ich hier eigentlich mache. Seit dieser Saison keine Dauerkarte mehr, die letzten Heimspiele habe ich mir kein Bein ausgerissen und war nicht im Stadion und gegen den Club hätte ich locker gekonnt habe aber vollkommen schmerzfrei verzichtet. Sportschau und Co. Schenken ich mir auch schon seit langem,die Radiokonferenz macht noch Spaß aber auch das wird anstrengender dank der Marktschreier die dort zunehmend hinter dem Mikro sitzen. Der Artikel spricht mir voll aus dem Herzen, mal wieder.

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