So ungefähr kann man sich denken, was Trainer denken, wenn das Fan-Volk Forderungen nach bestimmten Systemen und/oder Spielern stellt. Sie werden nicht sagen, was sie denken, aber positiv wird es nicht sein (siehe auch „1 Million Bundestrainer“). Und so kann es sich auch der erfahrene Herr Funkel leisten, in der Pressekonferenz am Vortag sinngemäß zu äußern, er persönlich fände Spielsysteme nicht so dolle wichtig. Kann man so sehen, die Sichtweise scheint aber nicht zum Erfolg zu führen. Denn natürlich gibt die Wahl des Spielsystems vor, was jeder Spieler auf dem Platz zu tun, wie er mit seinen Kollegen zu kooperieren hat. Und da trifft es der Kommentar eines offensichtlich sachkundigen F95-Anhängers zur Pause ganz gut: „Wir spielen mit drei Sechsern – sind wir hier beim Kniffeln?“

Dass die glorreiche Fortuna einen überraschend schwachen, allerdings personell auch erheblich geschwächten Gegner aus Heidenheim nicht klar geschlagen hat, lag an den Fehlern im System. Und zwar Fehlern, die schon seit den letzten Spielen vor der Winterpause nicht nur von Fans, sondern von bekannt fachkundigen Medienvertretern und ehemaligen Profikickern benannt werden. Wie kann man Rouwen Hennings wegen seiner inzwischen mehr als 1.000 torlosen Spielminuten kritisieren, wenn der fleißige Kämpfer ein ums andere Mal mutterseelenallein an die Front geschickt wird, wo doch bekannt ist, dass er dann zum Torschützenkönig wird, wenn er einen zweiten Vollstürmer an seiner Seite hat? Und, ja, die Fortuna hat sogar zwei Vollstürmer, die ihm zur Seite stehen könnten: Einer namens Ihlas Bebou wird momentan auf der Außenbahn verschlissen. Und der andere namens Emmanuel Iyoha, darf irgendwann nach der 70. Minute seine auf der Reservebank angestaute Energie rauslassen. Inzwischen darf der geneigte Fortunafreund dem Trainerteam schon die Frage stellen, ob hier der Welpenschutz für U23-Profis nicht zu weit getrieben wird. Weiter muss man sogar fragen, ob der geschätzte und verdienstvolle Käpt’n Oliver Fink nicht deshalb zum Problem wird, weil seine Anwesenheit auf dem Gras Änderungen am Offensivsystem blockiert.

Aber es gibt auch einige positive Nachrichten des Tages: Die Viererkette stand ausgesprochen sicher; lediglich Julian Schauerte hatte (erneut) seine Ausfälle, von denen einer beinahe wieder für ein Gegentor gereicht hätte. Schön dass Robin Bormuth wieder mittun darf. Wenn man die aktuelle Viererkette aber ein bisschen weiterdenkt, spricht aber sowas von alles dafür, die über die Winterpause eingebläute Dreierkette zum Standardsystem zu machen – auch um das überfüllte Mittelfeld ein bisschen zu entzerren. Es wäre sogar denkbar, als Fünferenden der Kette links Axel Bellinghausen einzusetzen, der eben beides beherrscht: das Verteidigen und das Außenlaufen samt Flanken. Lukas Schmitz würde sich auf rechts in einer solchen Konstellation sicher wohlfühlen. Ob sich auch Kaan Ayhan als Scheinlibero wohlfühlen würde, weiß man nicht – heute spielte er als defensiver Sechser eine feine Partie.

Das Fink-Gartner-Sobottka-Dilemma

Kommen wir zum Fink-Gartner-Sobottka-Dilemma. Ganz klar: der begabte Christian Gartner und der mindestens ebenso begabte Marcel Sobottka stehen sich im aktuellen Nichtsystem nicht selten auf den Füßen, und Sobottka zog für sich den Schluss daraus, sich eher weiter hinten zu positionieren – wo seine Fähigkeiten verschwendet werden. Gartner wiederum lässt sich widerstandslos von Fink dominieren. Am Ende neutralisieren sich die Begabungen bis zur Wirkungslosigkeit. Da hängt dann bisweilen sogar Ihlas Bebou auf Außen völlig in der Luft. Das wird auch der Grund gewesen sein, warum Bebou in der ersten Spielhälfte ein ziemlicher Ausfall war. Mittlerweile fragen sich auch die ihm persönlich besonders zugetanen Fans, ob das Erstliga-Geschwafel, das ihm seine Berater soufflieren, ihn am Ende nicht sogar eine gute Karriere kosten wird.

Man konnte sich in den ersten fünfundvierzig Minuten manchmal ein wenig blenden lassen, weil die Fortuna durchweg deutlich überlegen war und es ein paar schöne Spielzüge und klasse Flanken gab. Ernsthafte Torchancen gab es maximal zwei zu verzeichnen, wobei der Heidenheimer Torwart sich beide Male auf unterschiedliche Wese auszeichnen konnten. Allerdings standen die Schwaben auch nicht selten mit sechs bis sieben Feldspielern auf Riechweite von ihrem Keeper entfernt, immer bemüht, den Ball aus dem eigenen Sechzehner rauszuhalten. Ein paar Mal probten sie das Umschaltspiel, einige Male gelangen ihnen Ballgewinne im Mittelfeld. Aber mehr als ein paar harmlose Ecken sprangen dabei nicht raus. Spaß brachte das alles nicht, sodass die einzigen Quellen für ein bisschen Vergnügen, die recht vielen kostümierten Fans auf den Tribünen waren.

Enttäuschte Hoffnungen

Das große Murren füllte die Halbzeitpause. Zum Glück lief zwischendurch das Prinzenpaar auf und ließ das Publikum laut Helau rufen. Bis dahin hatte Stadion-DJ Opa schon versucht, den anwesenden Narren mit einem Strauß jecker Melodien einzuheizen. Musikalisch waren dies die Höhepunkte des Nachmittags, denn von den vermutlich tief verkaterten Ultras kamen wieder viel zu oft die sattsam bekannten Schlafwagen- und Beerdigungsgesänge. Weder deren Bemühen, noch das Spiel waren geeignet, irgendeine Stimmung aufkommen zu lassen. Und letztlich hofften die F95-Fans auf eine zweite Halbzeit mit zweiter Sturmspitze und mehr Drive der Rotweißen.

Die Hoffnung wurde enttäuscht. Es gab weder personelle, noch systemische Wechsel. Aber immerhin zwei bis drei Zacken mehr Bissigkeit, Einsatz und Kampfgeist. Das weckte die Gemeinde auf der Süd einige Male auf und riss das Volk zu intensiven Anfeuerungen hin. Zur Pause hatte es von den Sitzplätzen bereits ein paar Pfiffe gegeben, allerdings merkwürdig ungerichtet und einfach als Ausdruck der eigenen Befindlichkeit zu verstehen. Nun ging es zur Sache. Die Fortunen gewannen die Zweikämpfe in Serie, Bebou blieb nicht wieder dauernd hängen, sondern umspielte seine Gegner ein ums andere Mal. Nur mit seinen Flanken von der Grundlinie haperte es meist. Und wenn dann das Ei in den Strafraum kam, dann immer genau dahin, wo sich die meisten gegnerischen Defensivkräfte aufhielten. Und wenn dann doch eine richtige Chance dabei herauskam, dann wurden die mehrfach mit lauwarmen Schüsschen in des Keepers Arme vertan.

Man kann nicht sagen, dass die Heidenheimer wirklich effektiv im Konterspiel agierten. Zweimal wurde es für Michael Rensing, der wieder absolut sicher stand und hielt, gefährlich. Aber so nach einer Stunde erlahmte der fortunistische Schwung und verebbte im Ungefähren. Mit dem kurz darauf eingewechselten Özkan Yildirim kam wieder Kraft ins Spiel. Welche Position und Rolle ihm zugedacht war, wurde nicht klar. Jedenfalls spielte er etwas völlig anderes als Gartner, für den er kam. Als dann in der 79. auch noch Axel Bellinghausen für den verletzten Ayhan (der sich bei einem Zusammenprall eine Platzwunde zuzog), wurde er mit Ovationen begrüßt … die aber auch bisschen etwas Verzweifeltes an sich hatten.

Verspätete Wechsel

Derweil hatte sich Hennings vorne erneut aufgerieben, und auch Bebou war fast am Ende seines Lateins. Schade, denn von Yildirim gingen feine Impulse aus, die auf den Flügeln für mehr Bewegung sorgten. Nun wurde auch Sobottka deutlich wirkungsvoller, und Lukas Schmitz konnte auch noch einmal glänzen. Das alles aber erst um die 80. Minute herum. Dann kam auch noch Emma Iyoha, sodass eine Forderung engagierter und einigermaßen sachkundiger Fans erfüllt wurde. Mehr Youngster auf dem Platz! Dass er aber Hennings ablöste und so als einzige Sturmspitze agieren musste, sorgte erneut für verständnisloses Kopfschütteln bei den Fußballexperten auf den Tribünen.

Natürlich sind Trainer-raus-Forderungen in der aktuellen Situation und angesichts des inkompetenten Umgangs ehemaliger Vorstände mit den Coaches völlig überzogen. Funkel und Hermann aber einfach nur Fragen zu stellen und darauf zu hoffen, dass sie es schon richten werden, ist sicher zu wenig. Der Fehler liegt beim System, und wenn der Cheftrainer es für wenig wichtig hält, welches System angesagt wird, dann liegt er ganz sicher falsch – das beweisen inzwischen neun sieglose Spiele der Fortuna. Fast alle Beobachter sind sich darin einig, dass die Mannschaft nach der Winterpause immer dann gut auftrat, wenn eine junge Dreierkette, mit zwei offensivwilligen Außen und zwei Sturmspitzen kooperierte – leider tat sie das summasummarum nur in ungefähr 45 Spielminuten im Jahr 2017 … von absolvierten 450 Minuten.

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1 Kommentar

  1. Ja, dieser Biedermann Funkel ist stur und er liebt die Biedermänner à la Bodzek, Schmitz, Fink und Bellinghausen offenbar so sehr, dass er schon den (verzweifelten) Bello-Auftrittsapplaus als Beleg seiner richtigen Taktik interpretiert.

    Vermutlich träumt er bereits von der glorreichen Wiederkehr von St. Lumpi – ich sehe schon die Schlagzeilen – inkl. Triumphwagen-Korso über die KÖ.

    Es ist von diesem Trainer nichts, aber auch gar nichts zu erwarten, was eine gewisse Perspektive verspricht; er wird seinen Vertrag erfüllen, als „Nicht-Abstiegs-Trainer“ irgendwann gewiss auch Kultstatus erlangen, aber er wird nie darüber hinwegtäuschen können, dass der letzte wahrhaft erfrischende Fortuna-Fußball unter … jawoll – Olli Reck gespielt wurde. Dessen Rahmenbedingungen waren übrigens ungleich schlechter.

    Und was da wieder mal alles offenbar planlos zusammengekauft wurde! Die Trainer glauben ja selbst nach einem halben Jahr nicht an die Ritters, Yildirims, Feratis, Kiesewetters, Hoffmanns und wie sie alle heißen mögen … Man muss sich vermutlich wieder mal keinen einzigen Namen merken.

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