Man muss den anfangs 714 stimmberechtigten Mitgliedern danken, dass sie mehrheitlich nicht auf die von einem Putschisten mit Hilfe geklauter Mails orchestrierten Schmutzkampagne reingefallen sind. Selbst das erneute Aufwärmen der “App-Affäre” – so nannten der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Reinhold Ernst und auch der Vorstandsvorsitzende Thomas Röttgermann die Angelegenheit mit einem Hauch selbstironischer Brechung – durch die notorischen Handelsblatt- und Spiegel-Schreibfinken konnte mehr als 66 Prozent der Anwesenden nicht überzeugen. Bei der Abstimmung über die Entlastung Röttgermanns – traditionell ein Vehikel, mit dem die Mitglieder ihr Misstrauen formulieren – stimmten nämlich zwei Drittel mit Ja. Vermutlich war auch die gute Rede des Angeschossenen ein Grund für diesen deutlichen Vertrauensbeweis.

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Die begann mit einer offenen Entschuldigung des Vorstandsvorsitzenden, der sein Treiben rund um die ominöse App schlicht als Käse bezeichnete. Sein Versuch, die Abläufe detailliert zu schildern, traf allerdings auf eine gewisse Skepsis. Wie, fragten sich viele, ist es möglich, dass jemand Mails vom Display des VV-Computers einfach mal so abfotografieren kann. Auf Nachfragen erklärten Röttgermann und Ernst dies mit der Politik der offenen Tür in der Geschäftsstelle, und der Vorstandsvorsitzende gelobte, in Zukunft ernsthafte Verhaltensweisen in Sachen Datenschutz auszuüben. Seine Beziehung zum App-Projekt, aus dem ihm zwei Medienvertreter (mit engen Bindungen zu einer Person im F95-Umfeld) ihm einen Strick drehen wollten, klärte Röttgermann auf: Er habe mit Dienstbeginn bei der Fortuna an diesem Projekt operativ nicht mehr teilgenommen, sehr wohl aber mit den Betreibern kommuniziert, um ihnen bei ihrem Tun die gewünschten Ratschläge zu geben.

VV Thomas Röttgermann entschuldigt sich für seinen Käse

VV Thomas Röttgermann entschuldigt sich für seinen Käse

Außerdem, so Röttgermann später, sei er vor Amtsantritt dezidiert aus der App-Geschichte ausgestiegen und habe keinerlei wirtschaftliche Vorteile zu erwarten, wenn das Ding einst auf den Markt kommt. Es habe ihn, im Gegenteil, sogar Geld gekostet. Am ehesten kann man die Geschichte so interpretieren, dass der Lenker der F95-Geschicke mit der Beteiligung an der Entwicklung und späteren Vermarktung der App eine berufliche Zukunft jenseits seiner Zeit beim VfL Wolfsburg einleiten wollte – die Berufung auf den Fortuna-Posten ist ihm quasi dazwischengekommen. Das ist plausibel.

Röttgermann lernt den Verein zu verstehen

Deutlich wurde aber auch, dass Thomas Röttgermann schon einige Zeit brauchte, um diesen ungewöhnlichen Verein wirklich zu verstehen. Jetzt scheint er, allen Widrigkeiten zum Trotz, angekommen, denn die 5-Punkte-Liste der F95-Zukunft, für die er stehen will, fand die ungeteilte Zustimmung des Auditoriums. Bemerkenswert sein Stellungnahme zur sogenannten “Fortuna-DNA”, die er mindestens für fragwürdig und letztlich als Dokument für überflüssig hält. Zwei Nachrichten innerhalb seiner Rede überraschten. Zunächst erklärte er, dass es zu einem Job für seinen Kumpel Felix Welling nicht kommen wird. Und dann, dass Gespräche über eine Vertragsverlängerung mit Friedhelm Funkel in Kürze beginnen werden.

Natürlich wurde auch vom Geld gesprochen, vor allem von der schreienden Ungerechtigkeit bei der Verteilung der TV-Gelder nach einem System, die Uralt-Erfolge Clubs wie Eintracht Frankfurt oder gar Hertha BSC noch nach Jahren ungeheure Summen in die Kassen spülen. Die 38 Millionen Euro, die Fortuna für diese Saison geerntet hat, liegen deutlich unter dem, was Mitbewerber wie Mainz, Freiburg, Augsburg und leider auch der Äff-Zeh einstreichen. Und trotzdem hat die Fortuna den Wert des Kaders verdoppelt, den Umsatz um 80 Prozent gesteigert und einen Gewinn von 2,1 Millionen Euro erwirtschaftet.

Spaß mit Lutz Pfannenstiel

Spaß machte dann der Bericht von Sportvorstand Lutz Pfannenstiel, der aber nicht nur gute Laune verbreitete, sondern detailliert beschrieb, welche Spieler welche Rolle und Zukunft bei der Fortuna spielen bzw. haben. Mit viel Beifall wurde seine Laudatio aufs Nachwuchsleistungszentrum aufgenommen und vor allem die aktuelle Erfolgswelle der U19. Eine seiner Maßnahmen ist es bereits, talentierte Kicker der U-Mannschaften frühzeitig an den Verein zu binden und ihnen den Weg in den Profikader vorzuzeichnen und zu ebnen.

Alle Fäden in der Hand: ARV Dr. Reinhold Ernst

Alle Fäden in der Hand: ARV Dr. Reinhold Ernst

Währenddessen war die Mannschaft, die mit herzlichem Applaus begrüßt wurde, anwesend und genoss die Lobeshymnen. Es steht nicht zu vermuten, dass sich die Jungs samt Trainern und Betreuern sonderlich für die bisweilen unschönen Vorgänge interessieren. Und als es in der Rede vom Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Reinhold Ernst um die Details der “Posse” um die Funkel’sche Vertragsverlängerung in Marbella ging, war der Tross dann schon nicht mehr da. Der hatte Transparenz versprochen und versuchte das Versprechen durch Einzelheiten zu einzulösen. Dabei kamen naturgemäß keine neuen Versionen der Geschichten rund um die Demission von Robert Schäfer auf den Tisch, sondern es hörte sich alles genauso an wie bei den offenen Mitgliederforen der vergangenen Monate. Interessant, dass auch Ernst Fehler des Aufsichtsrats in dieser Sache zugab, denn – so seine Ansage – erste Zweifel an Schäfer habe es schon nach der JMV im Herbst 2017 gegeben. Dass man doch an das Gute im Schäfer glaubt und im Sommer 2018 dessen Vertrag vorzeitig verlängert habe, sei aus heutiger Sicht ein Missgriff.

Die sogenannte Generaldebatte

Natürlich bewertete der Aufsichtsrat das Verhalten des Ex-VV rund um die Gespräche mit Friedhelm Funkel im Januar des Jahres als schwere Verletzung des Vertrauens zwischen den Gremien. Denn Robert Schäfer habe den AR nicht über seine Pläne in Sachen Trainer informiert, sondern im Nachgang noch belogen. Weitere Punkte, die letztlich zum Rausschmiss führten, wollte Ernst nicht aufblättern; im Gegenteil: Nach wie vor wolle man sich mit Schäfer außergerichtlich einigen, damit in der Öffentlichkeit keine schmutzige Wäsche gewaschen würde. Auf die Nachfrage, warum man denn den Rausgeworfenen weiter auf der Gehaltsliste halte, meinte der Aufsichtsratsvorsitzende, diese Kosten seien schon im Budget für den Vorstand eingepreist, würden also den Gesamtetat nicht belasten – eine einigermaßen kryptische Anmerkung. Wer Dr. Reinhold Ernst kennt, konnte sich ausmalen wie sauer der nach außen oft so kontrollierte Mann auf die Schmutzkampagne von Handelsblatt und Spiegel ist – er konnte gar nicht aufhören Beispiel für die Niedertracht der Veröffentlichungen dieser Blätter anzuführen … was seine Rede um einiges zu lang geraten ließ.

Die als “Generaldebatte” angekündigte Runde der Beiträge geneigter Vereinsmitglieder entpuppte sich als ziemlich zahnloser Tiger. Klar, die Reden von Röttgermann und Ernst hatten den Skeptiker einigermaßen den Wind aus den Segeln genommen. Blöd, dass die von einer interessierten Kraft (die beileibe nicht auf Röttgermann, sondern viel mehr auf Ernst und den gesamten Aufsichtsrat zielte) mit Hilfe befreundeter Medientypen in die Welt gerotzten Gerüchte gerade bei den Mitgliedern hängenbleiben, für die (fast) alle Aufsichtsräte und natürlich alle aus ihrer Sicht hochbezahlten Vorstände und Direktoren irgendwie abgehoben und elitär sind – Stichwort “Teppichetage”. Dieses Misstrauen ist aber gerade bei langjährigen Mitgliedern und vor allem solchen, die in der dunklen Zeit zwischen 1999 und 2004 den Verein mit ihren Aktivitäten am Leben erhalten haben und sich in der Ära Joachim Erwin mit Kräften gegen dessen Demokratieallergie wehren mussten, immer noch ausgeprägt.

Noch mehr Kontakt, Austausch und Transparenz

Das ist Ernst und Röttgermann offensichtlich bewusst, weshalb sie massiv auf die Karte Offenheit und Ehrlichkeit setzen. Man wolle für Fans und Mitglieder noch besser erreichbar sein, noch mehr den Kontakt und Austausch suchen und noch besser für Transparenz bei allen wichtigen Entscheidungen sorgen. Dazu passt, dass sich auch der noch neue Vorstandsvorsitzende mehrfach und vehement dazu bekannte, dass die Fortuna ein mitgliedergeführter Verein bleibe, dass mit ihm eine Ausgliederung der Profiabteilung und eine Öffnung für irgendwelche Investoren nicht zu machen sein. Reinhold Ernst nannte diese Angreifer sogar beim Namen: einen Ismaik oder Ponomarev werde es in diesem Verein nicht geben.

In diese Richtung passte ein mit klarer Mehrheit angenommener Satzungsänderungsantrag, der das Quorum bei einem Ausgliederungsbeschluss von aktuell zwei Dritteln auf drei Vierteln hochsetzen soll und schon bei seiner Vorstellung heftig beklatscht wurde. Ein zweiter Antrag zur Ergänzung der Satzung fand ebenfalls breite Zustimmung: Danach wird “Nachhaltigkeit” als anstrebenswerte Eigenschaft in der Vereinssatzung festgeschrieben. Die Anträge bildeten den abschließenden Tagesordnungspunkt, zum Punkt “Verschiedenes” hatte niemand etwas beizutragen. Vorher und nach der vielstimmigen Diskussionsrunde zu den Berichten von VV, Sportvorstand und ARV und nach den Vorträgen der Kassenprüfern und des Wahlausschusses sowie der Wiederwahl der Kassenprüfer wurden dann die Vorstände und Aufsichtsräte per Einzelabstimmung entlastet. Wie gesagt, dies als Möglichkeit für die Mitglieder, ihr Ver- oder Misstrauen sichtbar zu machen. Thomas Röttgermann kam immerhin auf 60 Prozent, Dr. Reinhold Ernst sogar auf über 80 Prozent Ja-Stimmen.

Spätestens da wurde klar, dass der Putschversuch des Sommers nach Rücktritt des ehemaligen Aufsichtsrates Christian Veith und dem Bekenntnis des AR zu Thomas Röttgermann gescheitert ist. Und wer über das Interesse am Fall Schäfer und der App-Affäre hinaus gewissenhaft zuhörte, musste das Gefühl haben: Alles wird gut bei der Fortuna. Nicht nur beim ersehnten Klassenerhalt – denn, so ARV Ernst, selbst ein Abstieg wird diesen Verein nicht umbringen

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8 Kommentare

  1. Guten Abend Frauen und Männer wo das Herz für Fortuna Düsseldorf schlägt.

    Ich habe einige Fragen die für mich offen geblieben sind.

    Vorweg ich bin seit 50 Jahren Fortuna Fan bin seit einem 1/2 Jahr Mitglied.

    1.Frage Fortuna ist doch ein e.V. dann müssen sie doch alle Zahlen offen gelegt werden?
    Was haben wir für Raman bekommen? Was sind die Konditionen die Vertraglich festgelegt worden sind?

    Kommen dort Zahlen die unter 10 Millionen sind zum Vorschein ist das Betrug am Verein.

    2.Frage Warum mußte Schäfer gehen?
    Für mich hat er alles richtig gemacht selbst das Theater um FF hat er für den Verein gehandelt.

    • Rainer Bartel am

      Sie waren nicht anwesend? Sie haben noch nie an einem offenen Mitgliederforum teilgenommen? Denn wären Sie anwesend gewesen oder hätten die Möglichkeit in Anspruch genommen, an einem Mitgliederform teilzunehmen, auf dem die Vorstände und Aufsichtsräte referiert haben, könnten Sie sich die Fragen leicht selbst beantworten. Wir wollen mal nicht so sein und ein bisschen nachhelfen:
      1. Man kann die Frage “Was hat der Verein für Raman bekommen?” nicht mit einer Zahl beantworten – das hat Sportvorstand Lutz Pfannenstiel kürzlich detailliert und plausibel erklärt; der Vertrag ist so beschaffen, dass die Endsumme von verschiedenen Faktoren abhängt, die mit dem Erfolg mit S04 dank Raman und der Leihe von Bernard Tekpetey zu tun haben. Anmerkung: Der Verein darf solche Vertragsvereinbarungen nur offenlegen, wenn der Vertragspartner zustimmt. So ist das.
      2. Wie ARV Ernst heute und auch schon auf den Foren erklärt hat, gab es schon ab Herbst 2017 gewisse Vertrauensverluste, die mit dem Funkel-Vertragsdings eskalierten und von weiteren Vorgängen, die wegen der laufenden juristischen Vorgänge nicht offengelegt werden können, gefolgt wurden. Das steht übrigens auch im Artikel.

      • Dass Du auf Frage zwei überhaupt antwortest, und dann noch so sachlich, das ist wirklich großes Kino (ernst gemeint)

  2. Ich hoffe, dass das Thema Röttgermann nun auch erledigt ist. Ich freue mich, dass wir gestern mit einer Mehrheit dieses Thema hoffentlich zu den Akten gelegt haben. Im 95er Forum gab und gibt es ja einige, die Herrn Röttgermann und wohl auch Herrn Ernst gerne loswerden wollen. Offensichtlich haben sich aber nur wenige aufhetzen lassen.

    Die Verteilung der TV-Gelder ist mir auch schon seit langem ein Dorn im Auge. Sie belohnt Vereine wie z.B. den HSV und die ‘ölner dafür, dass diese die Liga nur mit Schulden in zwei bis drei-stelliger Millionenhöhe lange halten konnten. In der zweiten Liga werden bzw. wurden sie weiter belohnt mit einem ungerechtfertigten finanziellen Vorteil. Hat zwar beim HSV bis jetzt noch nichts genutzt (grins), aber bei dem komischen “Jeföhl” mit dem komischen Bier schon. Vereine wie die Fortuna, die seit Jahren wirtschaftlich solide arbeiten, werden benachteiligt. Das alles müsste bei der Verteilung der Gelder berücksichtigt werden! Aber das ist auch bei den “europäischen” Wettbewerben nicht anders, sondern genauso scheiße. Die bestehenden Machtverhältnisse werden betoniert und nennt sich Sport (kotz).

    Schön das Fortuna diesen Weg nicht gehen will. Ich gehe seit der Rückrunde 70/71 zur Fortuna und habe somit einiges erleben dürfen. Wenn es dann wieder runtergeht, wohin auch immer, ist es eben so. Der Fortuna bleibe ich bis zum letzten Atemzug treu, der Rest des bestochenen, äh, sorry, bezahlten Fußballs kann mich schon lange mal …….

  3. 2/3 auf 3/4 ist durch.

    Zurückgezogenen wurdedie ‘ Einladungsfrist der AOMV für die Ausgliederung’.
    zur Zeit sind es 2 Wochen,Antrag 6 Monate.
    Hierzu wird auf der nächsten JMV 2020 ein überarbeiteter Antrag eingereicht

    • Rainer Bartel am

      Danke für den Hinweis. Ist mir beim Durchlesen eben auch aufgefallen – wird korrigiert!

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