Rund um den Hennekamp an der Grenze zwischen Oberbilk, Bilk und Friedrichstadt sind zwei Berufsschulen – heute nennt man sie Berufskollegs – angesiedelt. Das Heinrich-Hertz-Berufskolleg (HHBK) ist der Ausbildung rund um Elektrotechnik, Chemie und Informationstechnik gewidmet, am Franz-Jürgens-Berufskolleg (FJBK), das auf historisch bedeutsamem Boden an der Färberstraße steht, bietet Unterricht für mehr handfeste Berufe rund um Metallverarbeitung an. Mit der Schulleitung des FJBK hatten Nachbarn vor einiger Zeit frustrierende Auseinandersetzungen, damals überzogen Schüler des Instituts mit ihren aufgemotzten Karren vor Schulbeginn das Viertel mit übelstem Lärmterror, und der Schulleitung war das egal. Auch das andere Problem rund um die Adepten der beiden Berufskollegs geht dem Lehrkörper anscheinend am Heck vorbei. Dazu muss man wissen, dass sich beim HHBK eine Dependance des FJBK befindet und die Schüler zu Fuß zwischen beiden Gebäuden hin und her pendeln. Und dabei eine Spur aus Abfall hinterlassen, der vorwiegend aus den Relikten dessen bestehen, was sie unterwegs, aber auch vor und nach Unterrichtsbeginn und in den Pausen zu sich nehmen. So entsteht entlang der Redinghovenstraße, den Hennekamp überquerend, über die Gurlittstraße und durch die Ringelsweide die Düsseldorfer Fressdreckmeile.

Nun könnte man die Sache aus Sicht eines alten Grantlers betrachten und Ordnung und Sauberkeit fordern. Oder sich über das unziviliserte, asoziale Schülerpack erregen, dass den Weg zumüllt. Aber das träfe nicht den Kern des Problems – denn der besteht aus den Nahrungsmitteln und Getränken, die von den Kollegschülern verzehrt werden. Die stimmen einfach nur traurig. Der Berichterstatter musste an einen ehemaligen Nachbarn denken, der von Diabetes, Gicht, schweren Herz-Kreislaufbeschwerden und Atemnot geplant mit knapp sechzig Jahren darüber lamentierte, dass er in seinem eigentlich schönen Leben so viel Pech mit der Gesundheit im Alter habe. Recht hatte er nur zum Teil, denn die in den Fünzigerjahren hierzulande Geborenen leiden vielfach unter den Folgen des sorglosen Umgangs mit der Umwelt in jenen Jahren. Kenner sagen, jeder in jenem Jahrzehnt geborene Mensch werde, den oberirdischen Atombombenexperimenten sei Dank, an Krebs sterben – es sei denn. er/sie stürbe vorher an etwas anderem. Der Mann aber, der zahlte einfach den Preis für einen dramatisch ungesunden Lebenswandel und vor allem einer dramatisch falschen Ernährung. Nachdem er Witwer geworden war, ernährte er sich vorwiegend mit billigem Fertigessen, am liebsten aus der Konserve, und verbrauchte täglich eine Dose Schmalzfleisch. Er prahlte immer damit, dass er seit seinem zehnten Lebensjahr jeden Tag mindestens zwei mittlere Cola tränke und natürlich seine Bierchen und Schnäpschen. Starker Raucher war er bis zur Amputation eines Lüngenflügels mit fünfzig auch – Reval, natürlich. Sport? Ja, als junger Kerl habe er in einer Thekenmannschaft gekickt. Aber seit seinem vierzigsten Lebensjahr fahre er lieber Auto. Einfach so, zum Spaß.

Jetzt sieht der Berichterstatter also junge Menschen zwischen sechzehn Jahren und Mitte zwanzig, die tagtäglich Literwasser Zuckerwasser (Eistee, „Durstlöscher“, „Capri Sonne“, Billig-Limo oder -Cola etc.) in sich hineinschütten und dazu vor allem Kartoffelchips und anderes Knabberzeug, Fleisch-, Herings- und andere Majonäsensalate sowie salzige Fettdinger wie Beefie und ähnliches fressen. Gern wird dazu auch allerbilligstes Toastbrot direkt aus der Packung gemümmelt. Zusammengenommen ergibt die Spur des Verpackungsmülls eine Ernährung aus Zucker, Fett und Salz. Hinzukommen: sogenannte „Energy Drinks“, sogenannte Milchmischgetränke (Müller-Schokomilch u.ä.), Kaffee in Pappbechern und auch kalte Kaffeegetränke. Dass an der Strecke auch Dutzende McDonalds- und Burger-King-Tüten liegen führt zu der Frage: Fressen die den Scheiß kalt? Nein, denn in den Pausen hört man auch wieder die Auspüffe röhren. Dann drängen sie sich zu fünft in Opel Corsas, VW Polos und ähnliche Gefährte, um mal eben ganz schnell zu Mäcces zu düsen. Das ist ja fast das Schlimmste an der ganzen Geschichte: Die jungen Leute werden von den Fastfood-Ketten und den Billig-Diskountern (im konkreten Fall allen voran LiDL an der Oberbilker Allee) ja auch noch verarscht, indem man ihnen minderwertigstes, maximal denaturiertes und extrem gesundheitgefährdendes Zeug zu scheinbar günstigen Preisen verkauft, die in Wahrheit zu Fressbudgets führen, mit denen man eine dreiköpfige Familie ernähren könnte.

Dass die Jugendlichen die Verpackungen ihrer Fressalien – dazu zählen auch die wenigen Alufolienknubbel von selbstgeschmierten Broten oder die entsprechenden Papiertüten – einfach so in die Gegend schmeißen, belegt, wie unwichtig ihnen ist, was sie essen, aber auch was sie tun. Es ist ihnen egal. Vielleicht ist ihnen ja auch alles egal, weil sie die Welt eh scheiße finden und dies für unveränderbar halten. Jedenfalls bedeutet dieses Verhalten nichts Gutes. Besonders verrückt: Selbst im Umkreis rund um die wenigen Abfallbehälter findet sich mehr Müll am Boden als in den Tonnen. Da fragt man sich dann, ob die Lehrkörper das nicht wahrnehmen und, wenn ja, warum sie nichts dagegen tun. Denn gerade in unmittelbarer Nähe der Eingänge, also da, wo die Pädagogen ihre Pausenfluppen qualmen, liegt extrem viel Dreck auf dem Boden. Man kann nur vermuten, dass es den Lehrern genauso egal ist wie den Schülern. Man würde sich wünschen, dass – ganz im Geiste von Jamie Oliver – auch an den Berufskollegs, überhaupt an allen weiterführenden Schulen das Thema „Ernährung“ regelmäßig, fundiert und praktisch behandelt würde. Würden Schüler lernen, sich ihre Mahlzeiten selbst zu bereiten und dafür gesunde, vollwertige Produkte verwenden, käme das nicht nur kurz-, mittel- und langfristig ihrer Gesundheit zugute, sie würden zudem auch noch erhebliche Summen sparen, die jetzt irgendwelchen gewissenlosen Unternehmen zufließen.

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