Bericht · Wenn du zum ersten Mal im Leben von der Ross- in die Bankstraße einbiegst und ein paar Schritte gehst, könnte es sein, dass du einen Schreck kriegst. Denn rechterhand, mitten im Häuserblock erhebt sich ein rostbraunes Monster. Es ist von der Durchgangsstraße nicht zu sehen, und das macht es noch überraschender, denn immerhin ist das Gebäude des Landesbetriebs Information und Technik NRW, so heißt der Bewohner offiziell, sechzehn Stockwerke hoch. [Lesezeit ca. 3 min]

Vielleicht haben sich die Nachbarn 1976, als längst die Beamten des Statistischen Landesamt – wie es damals noch hieß – ihre Umzugskartons ins Gebäude schleppten, wann das Ungetüm denn endlich fertig ist. Kaum einer wird auf die Idee gekommen sein, dass das so soll, so rostig. Tatsächlich handelt es sich hier um ein besonderes Beispiel des Baustils, den man nicht zu Unrecht Brutalismus nennt und der sich meistens durch unverputzte, rohe Betonmassen präsentiert. Der Architekt Gottfried Böhm gilt als einer der wichtigsten Vertreter dieser Richtung – berühmt wurde er nicht zuletzt durch den Mariendom in Neviges. Die wunderbare Dokumentation Die Böhms – Architektur einer Familie porträtiert ihn, seine Frau und seine Söhne.

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Das Heim der NRW-Statistiker ist eines der ersten und eines der größten Gebäude überhaupt, dessen Fassade in Corten-Stahl ausgeführt wurde. Dieser Werkstoff bildet fast unmittelbar nach der Herstellung eine sichtbare Rostschicht aus; darunter aber entsteht an der Umgebungsluft eine sulfat- und phosphatreiche Sperrschicht, die den eigentlichen Baustoff langfristig gegen Umwelteinflüsse schützt. Die prägnante rostrote Farbe ist da nur ein, wenn auch gewünschter Nebeneffekt. Rost, das hatte auch der Düsseldorfer Künstler Jürgen “Charly” Freund, in dessen Werken Rost eine wichtige Rolle spielte, erkannt. Er nannte dieses Material ein Zwitterwesen aus Mineralischem und Biologischem.

Was er meint, kann man gut erkennen, wenn man sich das Gebäude zu verschiedenen Tageszeiten und unter verschiedenen Licht- und Wetterbedingungen ansieht. An sonnigen Tagen strahlt es wie lebendiges Holz, bei Regenwetter erhebt sich zwischen der Bank-, der Mauer- und der Rolandstraße nur ein düstererer Klotz. Manchmal scheint es als trage der Bau einen feinen Pelz, und nicht selten changieren die Farben über die Oberfläche verteilt zwischen Tabakbraun und Blutrot. Aber, das Gebäude nimmt viel mehr Raum ein als sein reines Volumen; die Häuser in der Umgebung werden schier erdrückt.

Die Fassade ist nur eines der ungewöhnlichen Merkmale des Böhm-Baus. Wenn man genau hinschaut, steht er nämlich auf dünnen Stelzen in einer gut drei, vier Meter tiefen, künstlichen Senke im Block. Kein ebenerdiger Eingang ist da, wer hinein will, muss über eine der vier Zugangsbrücken gehen. Der Haupteingang ist zur Mauerstraße ausgerichtet und liegt in einem treppenartig gestuften Vorbau, der sogar zwei Wohnungen mit Balkons enthält. In der Senke wir das Gebäude an drei Seiten von Einfach- und Doppelreihen aus Kopfweisen eingefasst wie sie typisch für den Niederrhein bei Düsseldorf sind. An den Seiten sind Röhren außen an der Fassade geführt, die gleichzeitig wie Ornamente wirken. Ähnliches gilt für das senkrechte Ständerwerk an der Fassade. Hermetisch wirkt das Landesamt auch wegen der relativ kleinen Fenster, die gleichförmig verteilt über die Breitseiten des Baus Licht ins Innere lassen- das übrigens im Vergleich zum Äußeren relativ unspektakulär gegliedert ist.

Und weil das rostige Ding von Derendorf so gut versteckt ist, wissen sehr viele Düssedorfer*innen gar nicht, welche Perle der Baukunst sich jenseits der Roßstraße versteckt.

[Alle Fotos: The Düsseldorfer unter der Lizenz CC BY 4.0]

1 Kommentar

  1. Ich freue mich sehr über diesen gelungenen Artikel über ein Gebäude, das für mich viel mehr ist als nur ein Bauwerk. Ich bin auf der Bankstraße aufgewachsen und hatte beim Blick aus meinem Kinderzimmerfenster immer den Rostbau, wie wir ihn nannten, im Blick. Noch heute kann ich den besonderen Baustoff förmlich an den Fingern fühlen wenn ich nur Bilder von ihm sehe.
    Für uns Kinder war der Rostbau ein gigantischer Abenteuerspielplatz. Wenn die Bediensteten ihre Wirkungsstätte verlassen hatten, begann für uns der Spaß. Wir kletterten die außen liegenden Treppen bis zum höchstmöglichen Punkt hinauf und genossen den Ausblick. Die Zufahrt zur Tiefgarage war für uns mal Rollschuh- und Skateboardrampe,mal Rodelbahn. Wie Du ganz richtig schreibst, steht der Rostbau ja auf Stelzen und darunter erstreckt sich ein verwinkeltes Parkareal. Dort droschen wir mit Eishockeyschlägern Tennisbälle und am Karnevalswochenende war es unser Truppenübungsplatz. Wir lieferten uns heiße Gefechte mit unseren Cobras und Interpols, deren Schüsse dort unten so schön hallten.
    In späteren Jahren wurden unter der Brücke an der Mauerstraße erste Zigaretten geraucht und noch etwas später auch erste Altbiere getrunken.
    In der allgemeinen Wahrnehmung hatte der Rostbau stets wenig Kredit. Er wurde meist als hässlicher Klotz bezeichnet und die Zurechnungsfähigkeit des Architekten in Frage gestellt. Das fand ich schon damals ungerecht und heute erst recht. Wir sollten stolz darauf sein, ein architektonisch so bedeutendes Bauwerk in unserer Stadt zu haben. In diesem Sinne ein besonderer Dank an dich, Rainer, für diesen angemessen würdigenden Beitrag.

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