Fußball ist ein Phrasensport. In den rund 70 Jahren, in denen Schreib- und Sprechknechte regelmäßig über den getretenen Rundball berichten, haben sich Tausende Sentenzen entwickelt, mit denen sich komplexe Entwicklungen einfach darstellen lassen. Und weil inzwischen sehr viele Fußball-Fans vor allem die Floskeln der Spochtrepochter auswendig können, bestehen die meisten Diskussionen über gesehene Spiele (aber auch einzelne Szenen) vorwiegend aus Phrasen. Würden die Anhänger der Kickerei tatsächlich jedes Mal ein, zwei oder fünf Euro in das berüchtigte Schwein werfen, wenn sie beim Phrasendreschen erwischt werden – meine Güte, was gäbe das für pralle Säue. Tatsächlich gibt es aber Begegnungen, die man mit einer solchen Binse prima zusammenfassen kann. In unserem Fall wählen wir Phrase 11b: Wenn du so viele Chancen vergibst, musst du dich über ein Unentschieden am Ende nicht wundern.

11a endet übrigens auf “…eine Niederlage am Ende nicht wundern.” Solche Spiele machen die Anhänger der Chancenwucherer wahlweise traurig, frustriert oder wütend. Und weil Fußball bekanntlich auch ein Ergebnissport ist, denkt Otto Normalzuschauer eine solche Partie eben vom Ende her. Dass da bei den Wutfans der Fortuna aktuell vor allem Trainer-Bashing entsteht, ist offensichtlich unvermeidbar. Die Legende zum heutigen Unentschieden bei einer desolaten SG Dynamo lautet so: Warum hat der Funkel in der 60. den einzigen Stürmer vom Platz genommen und einen defensiven Mittelfeldmann eingewechselt? Wie viele solcher Fragen ist auch diese einigermaßen irrational. Denn das Trainergespann (Wieso wird eigentlich immer Peter Hermann vergessen? Weil man einen Einzelnen besser bashen kann?) hat nicht nur eine Auswechslung vollzogen, sondern die gesamte Offensive umgestellt.

Sinnlose Vorwürfe gegen die Trainer

Und dass es ausgerechnet der eingewechselte Marcel Sobottka war, der eine weitere Großchance auf dem Schlappen hatte, entkräftet den Wechselvorwurf auch. Tatsächlich übernahmen Oliver Fink und Ihlas Bebou die Mittelstürmerposition des angeschlagenen Rouwen Hennings abwechselnd. Folgerichtig war es auch der junge Bebou, der den Siegtreffer in der Nachspielzeit um Millimeter verpasste. Der bärenstarke Käpt’n Fink gab flach herein, Bebou war frei, erreichte die Pille aber nicht mehr. Etwas hinter ihm stand übrigens auch Sobottka frei. Wie Düsseldorfer Spieler über die 94. Minuten gerechnet öfter im Dresdner Strafraum freistanden als in allen Spielen der Saison zuvor in gegnerischen Sechzehnern. Das lag aber insgesamt betrachtet gar nicht so sehr am tollen Spiel der Fortuna, sondern vielmehr am Dauerchaos der Gegner.

Obwohl: Stellenweise spielten die Jungs in Weiß nach demselben Erfolgsrezept, dass sie in der Hinrunde oft so gut aussehen ließ. Es wurde gepresst, was das Zeug hielt. Nicht selten griffen fünf Fortunen die Dynamesen schon an deren Strafraumkante an. Dabei kam es einerseits zu etlichen Ballgewinnen, andererseits wurden die Dresdner Defensivlinge zunehmend nervös und unsicher. Auch die F95-Viererkette stand enorm hoch, war aber jederzeit in der Lage auf einen Konterversuch der Dresdner angemessen und schnell zu reagieren. Erfolgsfaktor (Erfolg? Welcher Erfolg?) Nummer Zwei war ein feines Kurzpassspiel wie man es von den Funkel-Hermann-Schützlingen so noch nie gesehen hatte. Das funktionierte so gut, dass die berüchtigten Hoch-Weit-Angriffe fast völlig ausblieben.

Mindestens sechs Großchancen

Am Ende standen – je nach Zählweise – mindestens sechs große Torchancen zu Buche, aus denen leider nur ein Törchen wurde. Das war aber auch sehr schön, weil es das Ergebnis einer prima Kombination war und weil es dem so lange und oft durch Verletzungen gebeutelten Christian Gartner gelang. Gut, der Schuss wurde unhaltbar abgefälscht, aber verdient war der Treffer in der 17. Minute allemal. Bis zum Pausenpfiff war diese Führung nie auch nur annähernd gefährdet. Im Gegenteil: Ein 0:2 oder 0:3 hätte den Spielverlauf nach 45 Minuten angemessen wiedergegeben.

Groß war die Überraschung als die Startelf der SGD bekanntgegeben wurde. Hatte doch Trainer Neuhaus die Woche über geheult, er habe kaum noch einsatzfähige Spieler, weil so viele Kicker krank seien. Angeblich hatte man den Magen-Darm-Kranken dann aber allerlei Infusionen verabreicht, und – schwupps – waren sie wieder fit. Okay, mit Infusionen kennt man sich am Standort Dresden aus DDR-Zeiten gut aus. Und erfreulich war es in jedem Fall, dass unser Lumpi mittun konnte. Geschwächt wirkten weder er, noch die anderen Rekonvaleszenten, sodass die Vermutung naheliegt, der Dynamo-Coach habe einen Psychotrick versucht.

So viel Gutes

So vieles war gut an diesem Ostersonntag in Sachsen, dass man überhaupt nur an zwei Spielern ein bisschen rummäkeln kann. Leider trifft es zum zweiten Mal nacheinander den hochbegabten Kevin Akpoguma, der die Fortuna ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verlassen muss, um zum Retortenclub in die Kurpfalz zu gehen. Gerade in der Anfangsphase wirkte der gute Mann einigermaßen unkonzentriert, was sich vor allem darin zeigte, dass er kaum zum Spielaufbau beitrug. Fleißig war Julian Schauerte wieder einmal und sicher im Defensivspiel, aber die Offensive im Stil von Kaan Ayhan, Christian Gartner und Ihlas Bebou scheint ihn geistig zu überfordern. Man hat immer den Eindruck, das geht ihm alles zu schnell.

Erfreulich wie sich der neue Andre Hoffmann in den Abwehrverbund einfügt. Zwar fällt der nie durch spektakuläre Rettungstaten auf, aber er steht fast immer goldrichtig und ist robust genug, annähernd gefährliche Situation zu entschärfen. Bleibt noch Lukas Schmitz, der heute einfach weniger tat als üblich. Das sei ihm angesichts seiner Leistung auch in den schlechten Spielen der Fortuna gegönnt. Über Adam Bodzek muss man ohnehin nicht viele Worte verlieren – der spielt exakt, was er kann und kauft damit dem gegnerischen Mittelfeld ein ums andere Mal den Schneid ab.

Bärenstarker Fink, klasse Ayhan

Nicht nur Fink bot eine tolle Leistung – vielleicht seine beste in der ganzen Saison -, auch Kaan Ayhan agierte wieder als einer von drei Spielmachern, wobei er der mit den meisten Spieleröffnungen war und einfach auffälliger spielt als sein ebenfalls hervorragender Nebenmann Christian Gartner. Im Dreierbund mit Bebou entstanden so jede Menge Ideen, von denen vor allem Rouwen Hennings profitierte, der so viele Tormöglichkeiten wie selten bekam und sich nicht permanent mit Wühlen befassen musste. Bleibt noch die Frage, ob Michael Rensing den Ausgleich in der 77. Minute hätte verhindern können. Die Antwort aller, die sich mit der Torwarterei auskennen, lautet: Ja. Für Normalsterbliche sah der stramme Schuss aufs kurze Eck nicht unbedingt haltbar aus. Hätte die Fortuna zu diesem Zeitpunkt mit 3:0 oder höher in Führung gelegen, würde kein Hahn danach krähen. So aber jaulen Hunderte F95-Kassandren, dieser Ausgleich könne der Sargnagel sein, weil Fortuna jetzt ja ganz tief in den Abstiegsstrudel geraten sei.

Rein rechnerisch stimmt das. Auch wenn in dieser Saison vermutlich keine 40 Punkte nötig sind, um die eigene Haut in die zweite Liga zu retten, fehlen dem Team immer noch mindestens drei Punkte. Und die sollten jetzt sehr schnell eingefahren werden – zum Beispiel am kommenden Freitag gegen den FC St. Pauli. Denn die rettenden Zähler müssen vor allem gegen die Mannschaften erobert werden, die in der Tabelle hinter der Fortuna stehen. Und das sind in den letzten fünf Spielen eben Paul, Würzburg und Aue. Dass man diese Kontrahenten von der aktuellen Spielstärke her schlagen kann, steht außer Debatte. Ob man eine Leistung wie neulich gegen Braunschweig oder vergangene Woche gegen Union und jetzt gegen Dynamo wiederholen und in reichlich Tore ummünzen kann, wird den Ausschlag geben.

Da sollten sich die Fans einfach mal die üblichen Phrasen aus dem Bereich der Schmierölpsychologie sparen und sich ganz auf den Fußball konzentrieren. Das nächste Spiel ist ja immer das schwerste. Der Ball ist rund, und das Spiel dauert neunzig Minuten.

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