Nüchtern und bei Licht betrachtet war die Veranstaltung gestern in der Kunsthalle einigermaßen absurd. Vorgestellt wurde das Buch mit dem Titel „Geschichte wird gemacht„, das Fotos des großen Dokumentators der Siebzigerjahre in Düsseldorf, Richard ar/gee Gleim, mit Aufsätzen von Akteuren jener Jahre verbindet. Da gab es auf den Stufen im Treppenhaus eine kleine Diskussionsrunde über die Entstehung der Schwarte. Beteiligt u.a. der Mitherausgeber Xao Seffcheque und sein Kollege von Family*5 Peter Hein. Der fasste ganz nebenbei zusammen, was viele Anwesende empfanden: „Nostalgie-Scheiße“.

Richard ar/gee Gleim auf dem Weg in die Kunsthalle (Foto: Matthias Neugebauer)

Richard ar/gee Gleim auf dem Weg in die Kunsthalle (Foto: Matthias Neugebauer)

Denn irgendwie passen das Punk-Prinzip „Einfach machen“, das Richard Gleim in seinen Redebeiträgen immer wieder hervorhob, und die Vergangenheitsverklärung und Heldenbeweihräucherung nicht im Mindesten zusammen. Zumal bei der Lektüre des Bandes deutlich wird, dass sich eine gewisse Wurschtigkeit durch die Texte und Bildunterschriften zieht. Und am Ende fragen sich die Zeitzeugen: Was soll der Quatsch? Vorsichtige Nachfragen des Moderators nach der Auswahl und dass eben manche Protagonisten gar nicht oder nur am Rande vorkommen, zog sich Seffcheque windelweich darauf zurück, dass ja nur vorkommen konnte, was ar/gee damals fotografiert hat.

Und da beißt sich das Projekt dann vollends in den eigenen Hintern: Ja, die gut 36.000 Fotos, die Richard Gleim ab etwa 1979 von der Düsseldorfer Musik- und auch Kunstszene geschossen hat, sind einzigartige Zeitdokumente. Und ja, sie sollten öffentlich zugänglich sein. Ob ein spezielles Museum – wie es jemand vorschlug – die richtige Darreichungsform für Bilder aus jenen Jahren ist, kann bezweifelt werden; sie auf Papier zu bringen, sodass jeder Interessierte sie erwerben kann (ob als Buch oder in Form von Prints), ist in jeder Hinsicht wichtig und richtig. Das hat auch schon der ar/gee’s Bildband über die frühen Jahre der Toten Hosen erwiesen.

Richard ar/gee Gleim - der große Dokumentator (Foto: Matthias Neugebauer)

Richard ar/gee Gleim – der große Dokumentator (Foto: Matthias Neugebauer)

Markus Naegele, der das Projekt für die Edition Heyne Hardcore betreut hat, schilderte die real existierenden Bedingungen für solch ein Buch, eingeleitet mit der Anmerkung „Bildbände lohnen sich nicht“. Also habe man beschlossen, um die Fotos herum ein paar Texte zu flechten und eine CD beizulegen. Und damit beginnt das inhärente Elend, denn es war keine gute Idee, ausgerechnet Leute was schreiben zu lassen, die damals beteiligt waren und so die Chance bekommen, sich zu Szenekönigen zu krönen. Und dass gestern Abend dann ausgerechnet Family*5 zum Abschluss aufspielten, lässt es so scheinen als sei diese Band so ungefähr die wichtigste der Ära gewesen.

Das Publikum lauscht ergriffen (Foto: TD)

Das Publikum lauscht ergriffen (Foto: TD)

Als der Moderator die Diskussionsteilnehmer befragte, wie toll denn die Achtzigerjahre gewesen seien, war es wieder Peter Hein, der die offensichtliche Wahrheit aussprach: „Die Achtziger waren doch scheiße. Da war doch alles schon wieder vorbei.“ Woraufhin Xao Seffcheque den Beginn des Jahrzehnts flugs auf die späten Siebziger vorverlegte und 1985 enden ließ. Tatsächlich stimmt an allen Texten im Buch, sofern sie die Jahre vor 1979 berühren, so gut wie nichts mehr – wie auch? Entweder waren die Verfasser bzw. die Verfasserin damals noch zu jung oder überhaupt nicht in Düsseldorf vor Ort.

Als Zeitzeuge, der auch das Buch „Keine Atempause“ von Sven-André Dreyer und Michael Wenzel mit Fotos von Thomas Stelzmann und natürlich „Electri_City“ von Rudi Esch kennt, wird man den Eindruck nicht los, dass es (wieder einmal) um die Deutungshoheit in Sachen „Musik in Düsseldorf“ geht. Dieser stille Krieg wird dann eben auch auf dem krummen Rücken von Richard Gleim ausgetragen, der nun überhaupt nichts damit zu tun hat und zu tun haben will.

[Alle Fotos: Matthias Neugebauer]

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