Haben Sie sich schon einmal gefragt, weshalb ausgerechnet das kleine Sträßchen zwischen Karstadt und Kaufhof an der Schadowstraße „Tonhallenstraße“ heißt? Die Antwort ist simpel: Weil hier die ersten Tonhallen der Stadt stand. Denn das runde Ding am Ehrenhof trägt ja erst seit 1978 den bewussten Namen. Zuvor nannte man den Konzertsaal darin, in dem alle Größen der Rock- und Popmusik auftraten, bekanntlich „Rheinhalle„. Aber exakt auf dem Platz, den heute das Karstadt-Warenhaus einnimmt, gab es von 1865 bis 1942 die heute sogenannte „Alte Tonhalle„.

Und die stand an einem historischen Platz. Der gesamte Bereich östlich der Königsallee lag bis Anfang des 19. Jahrhunderts noch außerhalb der Stadt und wurde teilweise sogar noch landwirtschaftlich genutzt. Vom ländlichen Flingern aus führte ein alter Handelsweg namens „Flinger Steinweg“ nach Düsseldorf, also die heutige Altstadt. An der Ecke, von der hier die Rede ist, bestand – vermutlich schon seit den Zeiten als Goethe regelmäßig bei den Jacobis in ihrem Pempelforter Landgut zu Gast war – Beckers Gartenlokal, ein beliebtes Ausflugsziel und eben Vergnügungslokal mit einem großen Holzsaal. Das hatte Anton Becker 1816 übernommen und zu einem kulturellen Mittelpunkt außerhalb der Stadt gemacht, wo u.a. die Niederrheinischen Musikfeste stattfanden.

Aufführung der VIII. Sinfonie von Mahler in der Alten Tonhalle (1904)

Aufführung der VIII. Sinfonie von Mahler in der Alten Tonhalle (1904)

Als 1850 der Hofkonditor Franz Geisler die Wirtschaft übernahm, traten im dann sogenannten „Geisler’schen Saal“ die musikalischen Größen jener Zeit auf – von Robert Schumann bis Felix Mendelsohn-Bartholdy. Auf Initiative des städtischen Musikvereins übernahm die Stadt 1880 den Saal und errichtete hier in zweijähriger Bauzeit die erste Tonhalle, in der dann auch Franz Liszt und Johannes Brahms große Erfolge feierten. Düsseldorf war durch diesen Saal, der mehr als 2.800 Zuschauern Platz bot, auch in Sachen Musik zu einer europaweit bekannten Stadt geworden. Kein Wunder also, dass 1880 ein Neubau beschlossen wurde.

Der Garten an der Alten Tonhalle auf einer zeitgenössischen Postkarte

Der Garten an der Alten Tonhalle auf einer zeitgenössischen Postkarte

Dieses 1892 eröffnete Gebäude im Stil der Neo-Renaissance nahm genau den Platz des ehemaligen Gartenlokals ein und besaß eine große Terrasse unter Bäumen, mit der die Tradition als Ausflugsziel fortgesetzt wurde. Aber dadurch, dass man die bebaute Fläche deutlich vergrößert hatte, gab es in diesem Komplexe zusätzliche Säle, Versammlungsräume, Gastronomien und Läden. Damit war der Grundstein für die – erst später so benannte – Schadowstraße als Einkaufsstraße gelegt. Inzwischen war der Flinger Steinweg auch nicht mehr so ländlich – die Randbebauung begann nun schon auf Höhe der heutigen Pempelforter Straße und setzte sich bis zur Kö fort. Eine Tonhallenstraße gab es aber immer noch nicht, weil das Gelände der Alten Tonhalle bis fast zur heutigen Einmündung der Oststraße reichte.

In den Räumen der Tonhalle feierte auch das närrische Brauchtum seine Feste, z.B. den legendären, von Professoren und Studenten der Kunstakademie initiierten Maskenball nach venezianischem Vorbild, der nicht nur den typisch düsseldorferischen Saalkarneval begründete, sondern dafür sorgte, dass die Düsseldorfer Karnevalsprinzessin immer „Venezia“ heißt. Der Kaisersaal war den großen Konzerten mit Orchestern vorbehalten, im Rittersaal fand auch die leichtere Unterhaltung Platz, und im Garten gab es im Sommer regelmäßig Tanzveranstaltungen.

1942 wurde die Alte Tonhalle durch Bombentreffer so schwer beschädigt, dass die Mütter und Väter der Stadt von einem Wiederaufbau Abstand nahmen und die Ruine abreißen ließen. Im Zuge der radikalen Stadtplanung nach dem Zweiten Weltkrieg, die vor allem auf den Autoverkehr Rücksicht nahm, entstand die Tonhallenstraße, die den Anfang einer Verbindung quer durch Pempelfort bildete, die zuvor so nie bestanden hatte. Bis 1978 hatte Düsseldorf nicht nur keine Tonhalle mehr, sondern keinen Saal entsprechender Größe und Akustik für Konzerte klassischer Musik mit voller Besetzung. Erst der Umbau des ehemaligen Planetariums, das nach dem Krieg zur Rheinhalle wurde, gab der Stadt wieder eine Tonhalle.

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